Wenig Berg-, viel Talbahn

Altenstädter Schausteller zwischen Hoffnung und Resignation

  • VonOliver Potengowski
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Zum ersten Mal seit eineinhalb Jahren hat der Altenstädter Schausteller Peter Roie seine Berg-und-Talbahn wieder aufgebaut - aber nur zur technischen Überprüfung. Wann er wieder auf einem Fest arbeiten kann, ist ungewiss.

Seit März 2020 geht für ihre Branche fast nichts mehr. Einine Schausteller haben versucht, die Verluste mit Bratwurst- oder Süßigkeiten-Ständen zu verringern. Doch das Missverhältnis ist enorm zwischen diesen geringen Einnahmen und den hohen laufenden Kosten, die die meisten Schausteller trotz ruhenden Geschäfts aufbringen müssen.

Wer den Aufbau der Berg-und-Talbahn auf Peter Roies Betriebsgelände in der Waldsiedlung beobachtet, bekommt davon eine Ahnung. Auf mehrere Anhänger ist das 38 Jahre alte Karussell verladen. Allein um die Wagenkette, die sich bei der Fahrt in rasendem Tempo dreht, zusammenzubauen, sind 120 Einzelteile notwendig, Kleinteile nicht mitgerechnet. Ungezählte Elemente sind nötig, um die Fahrstrecke aufzubauen.

10 000 Euro Kosten, aber noch kein Fest

Weil das Material vor allem im Betrieb altert, muss es regelmäßig überprüft werden. Deshalb heben zwei Mitarbeiter an diesem Vormittag ein Teil der Wagenreihe nach dem anderen auf zwei Arbeitsböcke, wo sie von einem Werkstoffprüfer kontrolliert werden. Rund 1800 Euro kostet diese Prüfung, erklärt Roie. Weitere 2800 Euro werden zwei Tage später für die TÜV-Prüfung des Karussells fällig. Mit dem Aufwand für Auf- und Abbau summieren sich die Kosten auf rund 10 000 Euro.

Kosten, die im regulären Betrieb in dieser Höhe nicht entstünden. Denn dann prüfe der TÜV beim Aufbau auf den Volksfesten, sagt Roie. Dabei sei er noch gut dran, weil er auf dem Hof ausreichend Platz und die notwendige Stromversorgung habe. Roie zeigt einen Artikel über einen Kollegen, der in Bonn den Festplatz anmieten musste, um seine Achterbahn dort prüfen zu lassen.

»Seit März 2020 haben wir permanent versucht, den Betrieb aufrechtzuerhalten«, berichtet Roie. Doch nicht nur die Technik hat er gewartet und wenn nötig repariert. Mit einer Reihe von Konzepten und Vorschlägen hat er zu erreichen versucht, dass er und seine Kollegen endlich wieder irgendwo ihre Fahrgeschäfte und Buden aufbauen dürfen. Doch während inzwischen Tausende Besucher bei Fußballspielen erlaubt sind, wird immer noch ein Volksfest nach dem anderen abgesagt.

Denn welcher Bürgermeister möchte das Risiko eingehen, eine kleine Kirmes zu veranstalten, wenn Großstädte wie Stuttgart oder München ihre Traditionsfeste absagen? Dazu kommt, dass in den vergangenen Jahren viele Kommunen die Organisation der Feste an private Anbieter übertragen haben. Diese scheuen jetzt das Risiko, dass ein Fest keine Gewinne abwerfen könnte, wenn wegen der Pandemie deutlich weniger Besucher kommen.

Lieber Arbeit als ein Hilfsprogramm

Entsprechend gedrückt ist die Stimmung bei Roie. »Schöner wäre gewesen, wenn wir letztes Jahr im März gewusst hätten, wir haben jetzt zwei Jahre Zwangspause«, stellt er fest. Dann hätte man Fahrzeuge und Technik dauerhaft einmotten und sich viel Geld und Arbeit sparen können.

Was ist, wenn eine Stadt wider Erwarten doch ein Fest ausrichtet? Wenn dann das Karussell nicht bereitstünde, müsste man selbst absagen. Schlimmer noch wäre es, man könnte auf einem Fest, wo man seinen Stammplatz hat, wegen technischer Probleme oder fehlender Prüfzeugnisse nicht aufbauen. Dann wäre der Stammplatz weg. Deshalb hat Roie schon jetzt einen Termin mit dem TÜV vereinbart, obwohl nicht absehbar ist, wann es wieder ein Fest gibt.

Immerhin scheint sich inzwischen bei den Hilfsprogrammen etwas bewegt zu haben. Die SPD-Landtagsabgeordnete Lisa Gnadl berichtet, dass sich ihre Partei auf Bundesebene erfolgreich dafür eingesetzt habe, dass die Schausteller bei den November- und Dezemberhilfen berücksichtigt werden. Wolfgang Harms von der Pressestelle des Hessischen Wirtschaftsministeriums betont, dass Hessen sich gegenüber der Bundesregierung dafür eingesetzt habe, dass die Schausteller einen Unternehmerlohn beantragen könnten. Dem sei der Bund aber erst vor Kurzem nachgekommen.

Doch eigentlich wünschen sich die Schausteller keine neuen Hilfsprogramme, um laufende Kosten und Lebensunterhalt bestreiten zu können. Sie seien es gewohnt, von ihrer Hände Arbeit zu leben, sagt Roie. Wie seine Kollegen will er endlich eine Perspektive haben, wann sie mit ihren Geschäften wieder auf einem Volksfest stehen können.

Die Berg- und Talbahn muss regelmäßig geprüft werden: Die Schausteller Tim (l.) und Peter Roie (r.) haben dafür einen Werkstoffprüfer beauftragt.

Rubriklistenbild: © Oliver Potengowski

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