Als die Mode in die Kurstadt kam

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Als Patrizia Zewe vor gut zwei Jahren aus München nach Bad Nauheim in ihr Elternhaus - das früheres Hotel »Europäischer Hof« - in der Stresemannstraße zurückzog, begann sie, die in Kisten auf dem Dachboden konservierten Erinnerungen zu heben. Sie stieß auf ihre 1889 geborene Großtante Mariette. Eine elegante Frau, die - so bilden es die alten Fotos ab - die erste Modedame Bad Nauheims war, Jugendstilkleider vorführte und sich der damaligen Womens Lib-Bewegung zugehörig fühlte.

In Bad Nauheim kurten internationale Gäste, mit ihnen traf mondäne Mode ein, die keine besser zu präsentieren wusste als Mariette.

Mit Grammofon auf dem See

Ihr Bruder Philipp heiratete schließlich Christine (Patrizia Zewes Großmutter), die voller Selbstbewusstsein 1922 den ersten Modesalon Bad Nauheims eröffnete: »Spitzen-Pfeffer«, benannt nach ihrem Spitznamen. In der Fürstenstraße 11, später umbenannt in Adolf-Hitler-Straße. Fotos bilden ab, dass es ein einträgliches Geschäft gewesen sein muss. Ausflug zum Eiffelturm, Bootstouren auf dem Starnberger See mit Grammofon an Bord, Kraftfahrzeuge, die es an Wucht mit den heutigen SUVs aufnehmen könnten, aber eleganter daher rollten. Und immer wieder ein Gläschen Sekt in den Händen. »Die haben es damals richtig krachen lassen«, urteilt Patrizia Zewe.

Da Christine Pfeffer gute Freunde in München hatte, eröffnete sie in Schwabing eine Dependance. »Sie wohnte in der Hohenzollernstraße - dort, wo ich 60 Jahre später wohnen sollte«, ist Zewe noch heute erstaunt. Jedenfalls fuhr die Großmutter öfter nach Wien, um Ware einzukaufen. Beim Zwischenhalt in München verkaufte sie einen Teil der Spitzen-Blusen an die Frauen von Industriellen und der »Bewegung«, die in den 30er Jahren eine fatale Mischung bildeten. Das hat Patrizia Zewe Briefen aus dieser Zeit entnommen. Darunter Briefe von Freunden, die ihre Verzweiflung ob der politischen Entwicklung schildern.

Im Juni 1954 zogen die Pfeffers von der Parkstraße 6 in das größere Geschäft mit der Nummer 8. Inzwischen führten die Eltern mit der Großmutter die Geschäfte. Die Gründerin stand noch bis zu ihrem Tod 1984 im Geschäft. »So als Senior-Chefin mit Sektglas in der Hand«, sagt Patrizia Zewe verschmitzt. Nachdem ihr Vater erkrankt war, wurde das Geschäft an Frau Reitmeier verkauft. Andreas Matlé

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