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Die Autoren Jürgen Röhrig (l.) und Stefan Klöppel signieren die ersten Bände.

Als die ersten Eisenbahnen fuhren

  • VonInge Schneider
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150 Jahre Oberhessische Eisenbahnen - Autoren und Experten Jürgen Röhrig und Stefan Klöppel stellten nun ihr umfangreiches Buch zum Jubiläum vor - und erzählen davon, wie die Eisenbahnen das Leben in der Wetterau veränderten.

Von den Fortschrittsoptimisten euphorisch begrüßt, von Skeptikern mit großen Bedenken beobachtet: Vor 150 Jahren rollten die ersten Eisenbahnzüge durch die Region und veränderten eine ganze Landschaft, ihre Ökonomie und Mobilität, den Zeittakt und das Lebensgefühl ihrer Bewohner. Im Rahmen einer Open-Air-Präsentation, stilecht auf einem kleinen Gartenstück zwischen dem Modellbahnhof Stockheim und den vorüberführenden Gleisen, haben die Autoren und Eisenbahnexperten Jürgen Röhrig aus Pohlheim und Stefan Klöppel aus Glauburg den von ihnen herausgegebenen Sammelband »150 Jahre Oberhessische Eisenbahnen« rund um diese Zeit des Umbruchs und seine Folgen vorgestellt.

Ein Netz aus 176 Kilometern

»Am 29. Dezember 1869 gingen mit den Strecken Gießen - Hungen und Gießen - Grünberg die ersten Streckenabschnitte der Oberhessischen Eisenbahn-Gesellschaft in Betrieb. Im Juni 1871 war das 176 Kilometer lange Streckennetz komplett fertiggestellt und die Abschnitte von Gießen sowohl nach Gelnhausen als auch nach Fulda konnten in Betrieb genommen werden«, heißt es auf dem Rücktitel des 272 Seiten starken Dokumentations- und Bildbandes, der sowohl historisch als auch technisch interessierte Eisenbahnfreunde rundum zufriedenstellen wird. Zumal das Werk durch knapp 300 Fotos greifbare Atmosphäre schafft und die umfassende Bedeutung der Oberhessischen Eisenbahnlinie für Wirtschaft und Tourismus, für das Gesicht der Landschaft und die Ansiedlung neuer Berufsgruppen auf dem Land illustriert. »Ganze Industrien entstanden, auch in Zusammenhang mit Bau, Wartung und Reparatur von Loks und Waggons, Schienen, Weichen und Stellwerken, Bahnhöfen und Güterbahnhöfen mit ihrer gesamten Infrastruktur samt Zubringerverkehr für Menschen, Tiere, Waren und Güter sowie Postsendungen«, erläuterte Röhrig. »Bereits in der Region bestehende Werke konnten dank der Eisenbahn ihre Absatzmärkte erweitern und rentabler wirtschaften. Beispielhaft seien hier der Erz- und Braunkohlenbergbau, die Hüttenwerke, die Produktion von landwirtschaftlichen Erzeugnissen, deren Verarbeitung, zum Beispiel in Zuckerfabriken, die Holzindustrie und der Abbau von Basalt genannt.«

Von den beiden Hauptstrecken zweigten ab 1888/90 die Nebenstrecken Hungen - Laubach, Nidda - Schotten und Stockheim -Gedern (Vogelsbergbahn) ab. Ihnen sowie den unterschiedlichen Eigentumsverhältnissen sind eigene Abschnitte des Sammelwerkes gewidmet. Der Autor, Eisenbahnhistoriker und bei der DB Netz in Frankfurt für den Fahrplan des nordhessischen Regionalverkehrs verantwortliche Röhrig referiert dabei über die oberhessischen Hauptbahnen und Knotenbahnhöfe von den Anfängen über die hessisch-preußische Epoche bis zur Reichsbahn, zur Deutschen Bundesbahn und der Bahnreform sowie Unfälle und weitere gefährliche Ereignisse. Stefan Klöppel als Leiter der ZOV-Verkehr in Friedberg (Zweckverband Oberhessische Versorgungsbetriebe) beleuchtet die Entwicklung des oberhessischen Eisenbahnverkehrs ab der Bahnreform.

Lebendig und mitreißend

Kennengelernt haben sich die beiden Autoren bereits bei der Publikation einer Schriftenreihe zur regionalen Eisenbahngeschichte durch Röhrig, verstärkt wurde ihre Kooperation durch die Herausgabe des Bandes »Anschluss an die weite Welt: Zur wechselvollen Entwicklung der Eisenbahn in Oberhessen«, erschienen 2014 auf Initiative des ehemaligen Landrates und Ovag-Vorstandsmitgliedes Rolf Gnadl zum 100-jährigen Bestehen der Oberhessischen Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft.

Lebendig und mitreißend verdeutlichten die Autoren am Beispiel Stockheims die Wandlung vom landwirtschaftlich geprägten Dorf zum Bahnknotenpunkt in Richtung Vogelsberg sowie ins Rhein-Main-Gebiet, zur Ansiedlung von Eisenbahngewerbe und Bahn-Beamtentum, zum Einfluss der Fahrpläne auf den Takt von Alltag, Arbeit und Mobilität.

Die Pandemie habe vielen zum 150-jährigen Jubiläum geplanten Veranstaltungen einen Strich durch die Rechnung gemacht. »Seit dem 30. August ist jedoch im Modellbahnhof Stockheim eine Fotoausstellung mit 75 Bildern zur Strecke Gießen - Gelnhausen zu den Öffnungszeiten zugänglich, bereits seit Mai 2021 eine weitere Ausstellung im Niddaer Heimatmuseum«, fügte Röhrig hinzu, der speziell sonntags von 15 bis 17 Uhr in Nidda ist und Fragen rund um das Buch beantwortet.

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