Es ist ein Auftakt, wie man ihn sich schöner nicht hätte wünschen können. Jo van Nelsen liest und spielt. FOTO: GK
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Es ist ein Auftakt, wie man ihn sich schöner nicht hätte wünschen können. Jo van Nelsen liest und spielt. FOTO: GK

Alltagssorgen sind kurz vergessen

  • vonGerhard Kollmer
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Friedberg (gk). Es war - nach langer Zwangspause - ein Saisonauftakt im Theater Altes Hallenbad, wie man ihn sich schöner nicht hätte wünschen können. Und wem war dies zu danken? Natürlich Jo van Nelsen, dem genialen Interpreten von Wolf Schmidts Geschichten über die Familie Hesselbach.

In coronabedingt zwei einstündigen Auftritten vor insgesamt etwa hundert Zuschauern beglückte van Nelsen das Auditorium diesmal mit der Erzählung "Die Simulantin". In diesem an umwerfender Komik und feinsinnigem Humor kaum zu überbietenden Text steht Mamma Hesselbach ganz im Mittelpunkt.

Tochter Heidi ist inzwischen ausgezogen. So kann Mamma nun Sohn Peter all ihre Fürsorge angedeihen lassen. Denn er ist mit seinen gerade einmal 19 Jahren den vielfältigen, hauptsächlich von weiblicher Seite ausgehenden Versuchungen eines jungen Mannes ausgesetzt, vor denen es ihn unbedingt zu bewahren gilt. Der Umsorgte nimmt diese Bemühungen ziemlich gelassen hin.

Erstes Highlight der Erzählung: Mamma weckt Babba mitten in der Nacht, von Sorgen um Peters Lebenswandel geplagt: "Ei Kall, wir müsse was unternemme!" Er, äußerst ungehalten über die Störung seines kostbaren Nachtschlafs, versucht vergeblich, sie zu beschwichtigen.

Selbst wer das Glück hatte, Jo van Nelsen als funkensprühendes Ein-Mann-Theater bereits mehrfach erleben zu dürfen (wie das Friedberger Publikum), fragt sich immer wieder, wie es diesem Mann bloß gelingt, noch die harmloseste Szene in ein humoristisches Juwel zu verwandeln. Natürlich: Wolf Schmidts Texte liefern Steilvorlagen in Hülle und Fülle - die aber "auf Augenhöhe" umgesetzt sein wollen. Dem spitzbübisch lächelnden Interpreten auf der Bühne gelingt das scheinbar mühelos. Und langsam beginnt man sich zu fragen: Ist dieser Künstler nicht sogar besser als das Original?

Heidis frei gewordenes Zimmer wird an die chaotische "Weanerin" Monica König vermietet. Die "Dekorateuse" im Kaufhaus Dengler scheint an der Schlafkrankheit zu leiden, denn sie schläft sogar beim Duschen ein. In ihrem Zimmer herrscht pures Chaos. Mamma hat dafür gesorgt, eine wenig attraktive Dame als Untermieterin aufzunehmen, um eine sittliche Gefährdung Peters von vornherein auszuschließen.

Was tut jemand wie Frau Hesselbach, die sich nicht mehr ernst genommen fühlt? Denn sie sieht ihre Sorgen ums Wohl der Familie zunehmend ins Leere laufen. Nun gut: Dann versuchen wir’s mal mit Herzattacken und anderen bedrohlichen Krankheitssymptomen. Und siehe da: Plötzlich steht sie wieder im Mittelpunkt; alle sind rührend um sie besorgt.

Humoristisches Juwel

Wie wäre es denn mit einer Kur im idyllischen Hitzweiler - fernab im Schwarzwald gelegen? Und tatsächlich: Mamma stimmt dem perfiden Vorschlag Babbas zu - und tappt in die Falle. Hitzweiler entpuppt sich als "langweiliges Kaff". Fast täglich eingehende Briefe von zu Haus zeugen davon, dass man sie nicht vergessen hat. Tatsächlich? Das Geschehen gerät vollends zur Groteske - des Lachens ist kein Ende mehr. Jo van Nelsen läuft nun zur Hochform auf.

"So einfach war das Leben zu Hause geworden" - ohne ihre ordnende Hand. Davon kann sie, die einen Tag früher als erwartet zurückkehrt, sich selbst überzeugen. Und was macht die werte Krankheit? Na ja. Babba: "Möchtste die Kur vielleicht verlängern?" Mamma: "Ei Kall, des Benzin spar mer uns, gell?"

Tosender Applaus feiert einen Auftritt, der alle Alltagssorgen für eine wunderbare Stunde vergessen ließ.

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