Für viele Bewohner des Pflegeheims St. Bardo und der Wohnanlage ist das Balkonkonzert am Sonntagnachmittag eine willkommene Abwechslung im tristen Corona-Alltag.	FOTOS: LONI SCHUCHARDT
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Für viele Bewohner des Pflegeheims St. Bardo und der Wohnanlage ist das Balkonkonzert am Sonntagnachmittag eine willkommene Abwechslung im tristen Corona-Alltag. FOTOS: LONI SCHUCHARDT

Abwechslung von der einsamen Zeit

  • vonHarald Schuchardt
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Vor fast zwei Monaten hatte Liedermacher Martin Schnur seinen letzten öffentlichen Auftritt. »Durch Corona sind alle Engagements und der Gitarrenunterricht weggebrochen«, sagt Schnur, der am Sonntag in Friedberg endlich wieder vor Publikum spielte, wenn auch anders als gewohnt und ohne einen Cent zu verdienen.

Zusammen mit WZ-Redakteur Jürgen Wagner gestaltete der Wetterauer Kulturpreisträger Martin Schnur ein Balkonkonzert vor dem Caritas-Zentrum St. Bardo in Friedberg. Für Bewohner von Pflegeheim, Wohnanlage und betreutem Wohnen war es eine schöne Abwechslung von der »einsamen Zeit«, wie es Margarete Pfeffer formulierte.

Die Pflegeheimbewohnerin verfolgte zusammen mit Lieselotte Heiß, einigen weiteren Mitbewohnern und einer Pflegekraft das Konzert im ansonsten verschlossenen Eingangsbereich des Pflegeheims. »Ich gehe gerne spazieren, das vermisse ich«, meinte Lieselotte Heiß, die sich bei schönem Wetter mit Mitbewohnern im Innenhof zum »Schwetze« trifft. Auch fehlt den Seniorinnen der Besuch von Verwandten. »Sonst geht es uns aber gut«, sagte Lieselotte Heiß, und Margarete Pfeffer ergänzte: »Wir können nicht klagen.«

Den Auftritt der beiden Musiker genossen die beiden Seniorinnen. »Ich schwetz’ ja aach Hessisch, awwer net so wie die Zwaa«, erklärte Lieselotte Heiß und lachte über Wagners Song »Wu widdn doi Haa hie hu?« ebenso wie über den »Griee-Soß-Song«, in dem das Rezept des Frankfurter Nationalgerichts musikalisch aufbereitet wird.

Bei bekannten Volksliedern wie »Wenn alle Brünnlein fließen« zum Auftakt oder Martin Schnurs Version von Alexandras »Zigeunerjunge« sangen die Senioren mit. Schnur überraschte mit Ernst Negers »Heile, heile Gänschen«. »Der Song passt momentan besser in die Zeit als zu Karneval«, sagte der Liedermacher. Aus dem Kultschlager »Marina« hat Schnur einen Corona-Song gemacht, bei dem man mitsingen kann.

Schließlich schafften es die beiden Musiker, dass der Kanon »Froh zu sein bedarf es wenig« von fast allen Zuhörern mitgesungen wurde. »Den müsst ihr jeden Abend üben, Singen ist gut gegen Corona, das bringt Luft in die Lungen«, meinte Schnur, der seinen Humor auch in dieser für ihn schwierigen Zeit nicht verloren hat. »Ihr seid so weit weg da oben, ihr habt ein dynamisches Defizit«, rief er den Zuhörern auf den Balkonen im dritten und vierten Stock zu. Seine Konsequenz: »Dann singen wir halt etwas höher.« Wagner ergänzte: »Wir wechseln einfach die Tonart.«

Welchen Spaß das Duo an seinem Konzert hatte, wurde bei einem plötzlichen Ausfall von Wagners Mikrofon deutlich, als dieser gerade Reinhard Meys Klassiker »Über den Wolken« intonierte. Spontan übernahm Schnur den Gesangspart, bis das Mikrofon seines Mitspielers nach einigen Sekunden wieder seinen Dienst tat. Beide lachten, ebenso wie die Bewohner der Wohnungen in der Anlage und im betreuten Wohnen.

Bürgermeister lobt Engagement

Diese Senioren haben gegenüber den Pflegeheimbewohnern den Vorteil, dass sie ihre Wohnungen verlassen und spazieren gehen können. Das Konzert verfolgten sie mit Abstand auf den Bänken und Mäuerchen in dem Bereich zwischen den verschiedenen Gebäudekomplexen. »Das ist mal eine schöne Abwechslung«, freute sich Christine Chluba, der das gemeinsame Kaffeetrinken in den Räumen des Pflegeheims ebenso fehlt wie viele Kontakte, die sie mit den Heimbewohnern pflegt.

»Ich stricke jetzt viel mehr«, sagte die Seniorin, die sich ebenso ein schattiges Plätzchen gesucht hatte wie Emma und Karl Füller sen., die auf einer Bank hinter den Musikern saßen. »Wir sind beide 90. Uns geht es gut«, sagte der Ehemann, und seine Frau ergänzte: »Wir bleiben halt mehr zu Hause, aber es geht schon.« Beide trugen einen Mundschutz, so wie etliche Zuhörer, darunter Ortsvorsteher Norbert Simmer und Bürgermeister Dirk Antkowiak. Simmer hatte mit seinem Balkonständchen zum 97. Geburtstag seiner Tante Julchen den Anstoß zu den Balkonkonzerten gegeben und Antkowiak von dem Konzert erzählt. Der lobte das Engagement von Schnur und Wagner: »Wir dürfen gerade jetzt unsere älteren Mitbürger nicht vergessen.«

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