90 Prozent ungeimpft

Bei der Beurteilung der Corona-Lage wird künftig die Hospitalisierungsrate eine wichtige Rolle spielen. Noch ist die Lage in den Krankenhäusern relativ entspannt. Aber die Zahlen steigen. Deshalb blickt Dr. Thilo Schwandner, der Ärztliche Leiter der Asklepios-Klinik Lich, mit einer gewissen Sorge auf Herbst und Winter.

Wie war der Sommer? Entspannt?

Merkbar ruhiger als das Frühjahr. Von Mai bis August war die Situation sehr entspannt. Die Zahlen bei uns in der Klinik waren deutlich rückläufig. Ich glaube, das ganze Leben war allgemein entspannter, weil die Inzidenzen sehr niedrig waren.

Und wie ist die Lage jetzt?

Sie ist immer noch entspannt. Aber man bemerkt schon wieder eine Zunahme der Corona-Fälle. Auch bei uns in der Klinik. Es ist aber noch nicht so aggressiv wie in der dritten Welle. Was man allerdings sieht: Es sind eher die Jüngeren, die in die Klinik kommen.

Wie viele Fälle haben Sie aktuell?

Einen auf Intensiv-, vier auf Normalstation.

Aus anderen Kliniken ist zu hören, dass es sich jetzt bei den Corona-Patienten überwiegend um ungeimpfte Menschen handelt. Wie ist das in Lich?

Ja, das ist bei uns auch so. 90 Prozent der Fälle sind ungeimpft, das muss man klipp und klar postulieren. Ein paar Impfdurchbrüche gibt es, aber die Patienten haben meist sehr milde Symptome. Das sind Zufallsbefunde, die wir beim Screening entdecken. Wir testen ja alle Patienten, die zu uns kommen.

Hält die Klinik in Anbetracht steigender Zahlen Kapazitäten vor?

Ja, das müssen wir. Die Hessische Landesregierung hat alle Kliniken dazu aufgerufen. Wir schmieden jetzt wieder Pläne, wie viele Betten die Krankenhäuser vorhalten müssen, damit wir stabil in den Herbst gehen.

Droht eine »fulminante« vierte Welle, wie es Lothar Wieler, der Präsident des RKI, formuliert hat?

Das kann ich persönlich noch nicht ganz einschätzen. Das RKI hatte letzte Ostern auch gesagt, dass wir Inzidenzen um die 1000 bekommen werden. Das ist ja zum Glück nicht eingetreten. Wie stark die vierte Welle wirklich wird, hängt davon ab, wie viele sich noch impfen lassen. Ich glaube, dass es bislang zu wenige sind. Wir müssen alles mobilisieren, dass wir das einigermaßen in den Griff kriegen. Alles andere, das muss man ehrlicherweise sagen, weiß keiner.

Und wie ist die Stimmungslage unter Ärzten und Pflegepersonal angesichts neuer, möglicher Belastungen?

Jeder hat ein bisschen Sorge, weil die Zahlen wieder drastisch steigen. Und wir sind ja noch im September. Was passiert von Oktober bis März? Alle sind angespannt. Zum einen, weil man nicht weiß, wie heftig die vierte Welle wird. Man hat ja gedacht, man könnte ein wenige aufatmen wegen der Impfungen. Wir hatten Hoffnungen, dass wir eine Art normalen Winter in der Klinik erleben werden. Aber weil die Zahl der Impfungen stagniert, ist diese Hoffnung vom Tisch.

Was ist Ihr Wunsch für Herbst und Winter?

Mein Wunsch wäre, dass sich in den nächsten vier bis sechs Wochen möglichst viele Menschen impfen lassen und dass die vierte Welle möglichst klein ausfällt. Ich wünsche mir einen entspannteren Winter als letztes Jahr, denn der war für die Krankenhäuser wirklich ein Kampf.

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