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125 Jahre im Dienst der Geschichte

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Vor 125 Jahren wurde der Friedberger Geschichtsverein gegründet. Seither haben die Mitglieder wesentliche Anstöße zur Erforschung der Geschichte der Wetterau gegeben - durch Vorträge, Exkursionen, die Wetterauer Geschichtsblätter oder durch Ausstellungen im Wetterau-Museum. Zum Jubiläum blickt Vorsitzender Lothar Kreuzer zurück und nach vorn.

Herr Kreuzer, am 1. April 1896 wurde der Friedberger Geschichtsverein gegründet. Wie wurde das vorbereitet?

Lothar Kreuzer: Mit einer Anzeige lud Prof. Dr. Theodor Goldmann, Rektor der ab 1898 »Großherzogliche Augustinerschule« genannten höheren Schule, für abends »alle Diejenigen, die sich für die Geschichte der Wetterau und insbesondere Friedbergs interessiren … zu einer konstituierenden Versammlung« in den Gartensaal des Pfälzer Hofes in der Kaiserstraße 19 ein. Einem vorbereitenden Ausschuss gehörten Bürgermeister Adam Steinhäußer, Medizinalrat Dr. Heinrich Weckerling, Kreisamtmann Karl Schliephake, Gymnasiallehrer Theodor Wiesehahn, Landwirtschaftslehrer Carl Reichelt und der Beigeordnete und Direktor des Mathildenstifts (Vorläufer der Sparkasse) Georg Hieronymus an. Ökonomierat Falck, neben Goldmann treibende Kraft bei der Vereinsgründung, war verhindert. Dieser Ausschuss formulierte den Vereinszweck, der bis heute gültig ist: »Die Geschichte Friedbergs und der Wetterau, so weit sie mit unserer Stadt in Beziehung stehe, zu erforschen, ferner die vorhandenen Altertümer zu sammeln und zu bewahren.« Die Region war von Anfang an mitgedacht.

Wie startete das Vereinsleben, wer wurde Mitglied?

45 Interessierte schlossen sich am 1. April dem Verein an, Anfang Mai waren es schon 156 Mitglieder, eine Mischung aus Bürgern, Beamten, Alteingesessenen und Zugezogenen. Die politischen Spitzen von Stadt und Landkreis waren in der Vereinsführung engagiert. Gewählt wurden Goldmann als Vorsitzender, Georg Falck zum Stellvertreter, Reallehrer Reitz zum Schriftführer und Buchhändler Scriba zum Schatzmeister. Hinzukamen sieben Ausschussmitglieder: Hieronymus, Ehrmann, der Lehrer der jüdischen Gemeinde, Schliephake, Steinhäußer, Dr. Weckerling, die pensionierten Lehrer Werner und Wiesehahn. Die Vereinsarbeit konnte sich nicht allein auf reiche Mäzene stützen, auch wenn Familien wie Trapp, Bindernagel oder später Fertsch großzügig halfen. Die Spendenbereitschaft war groß. Es gab Vorträge, Vereinsabende, Ausflüge. Im Mitgliedsbeitrag in Höhe von zwei Mark war der Bezug der Quartalsblätter des Historischen Vereins des Großherzogtums inbegriffen. Aufgerufen wurde zur Überlassung von historisch interessanten Schriften und Altertümern, die provisorisch in der Bibliothek der Augustinerschule, damals noch in der Altstadt, gelagert werden sollten.

Man bemühte sich also von Anfang an um den Aufbau einer Museumssammlung?

Es war das Ziel, dass kein Gegenstand, »der in den Bereich der Sammlung des Vereins gehört, sei es durch Schenkung, sei es durch Verkauf, aus den Mauern unserer Stadt hinauskommt«. Man wollte den Verlust historischer Substanz und die Abgabe wertvoller Objekte stoppen, die im 19. Jahrhundert wiederholt erfolgt waren. Gerade die vielen Grabungsfunde verlangten nach einem Platz für ihre Sicherung, Präsentation und Vermittlung. Für einige Monate - statt, wie ursprünglich versprochen, für drei Jahre - erhielt der Verein auf Vermittlung des Großherzogs ein erstes Domizil im Feldwebelbau in der Burg. Ab 1901 stellte die Stadt zwei Säle im Neubau der Augustinerschule zur Verfügung. 1906 wurde man eingetragener Verein und teilte sich ab 1907 mit der Stadt die Verantwortung für das Museum, das seit 1905 im städtischen Gebäude Usagasse 38 untergebracht war.

Wer waren die Führungspersönlichkeiten?

Motor bei der Vereinsgründung und in den ersten Jahren umtriebiger Versammlungsleiter war Dr. Theodor Goldmann, der allerdings 1899 im Alter von nur 48 Jahren verstarb. 1894 hatte er die Ausgrabung des Mithräums geleitet. Georg Falck, der spätere Mühlenbesitzer, Ökonomierat, Kirchenvorstand, Stadtverordnete und Beigeordnete, war 27 Jahre stellvertretender Vorsitzender und galt als bester Kenner der Friedberger Geschichte. Er grub viele Fundstücke mit aus und legte den Grundstock der Altertumssammlung. Falk referierte im ersten Vortrag des Vereins an zwei Abenden ausführlich über die Topografie von Stadt und Burg.

Wie kam es zur Gründung des Geschichtsvereins gerade im Jahr 1896?

In den 90er Jahren begann die systematische Ausgrabung am Limes, wurde die 350-Jahr-Feier der Augustinerschule groß gefeiert, mit einem historischen Rückblick. 1893 gründete sich der Verein für jüdische Altertümer, mit dem der Rückkauf und die Rettung der Mikwe verbunden ist. Es erfolgte von 1896 bis 1901 die große Stadtkirchenrenovierung, für die der 1884 gegründete Kirchenbauverein erhebliche Mittel einwarb. In diesen Institutionen waren auch spätere Mitglieder des Geschichtsvereins aktiv.

Der Geschichtsverein ist aber auch nicht zu denken ohne die Personen, die sich im 19. Jahrhundert intensiv der Heimatforschung verschrieben.

Ja, allen voran Philipp Dieffenbach, der »Vater der Friedberger Geschichtsschreibung«. Aber darauf heute einzugehen, würde zu weit führen.

Was prägt Ihrer Meinung nach das Vereinsleben?

Die weithin beachteten wissenschaftlichen Arbeiten und Vorträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, die enge Zusammenarbeit mit Stadtarchiv und Wetterau-Museum. Und große Kontinuität. In 125 Jahren hatte der Verein nur neun Vorsitzende. Von 1982 bis 2009 stand Hans Wolf an der Spitze. In vier Jahrzehnten machte er sein Fahrtenprogramm zum Markenzeichen des Vereinslebens. Sein Vorgänger Wilhelm Hans Braun führte 29 Jahre lang den Verein. Er verstand es, historische Details in der Häuserforschung, der Genealogie und der Heraldik mit den großen geistesgeschichtlichen Linien zusammenzubringen. Als Leiter des Stadtarchivs legte er eine unerschöpfliche Privatsammlung an, forschte etwa zu Usinger und Benrath, dessen Nachlass er in das Archiv einbrachte. Ab 1905 lag die Schriftleitung mit der Herausgabe der Geschichtsblätter bei Ferdinand Dreher, Fritz H. Herrmann und Michael Keller jeweils über Jahrzehnte in einer Hand.

Können Sie das Jubiläum gebührend feiern?

Leider nein. Das Jahr 2021 steht als ungünstiger Jubiläumstermin nicht allein. Nach 25 Jahren - 1921 - und nach 50 Jahren - 1946 - stand in den Nöten der jeweiligen Nachkriegszeit der Sinn nicht nach größeren Feierlichkeiten. Mit ausführlichen Beiträgen griff man 1936 bzw. 1956 die Vereinsgeschichte auf. Ebenso 1966 zum 750-jährigen Stadtjubiläum und zum ersten Hessentag. Groß begangen wurde das 100-jährige Jubiläum 1996, in dessen Rahmen der Verein die große (unvollendete) Stadtgeschichte, die erste nach Dieffenbach, herausgab. Ein Projekt, das seit der Vereinsgründung geplant war.

Jetzt haben wir die Corona-Pandemie. Sie würden sicher gerne bald die Vereinsaktivitäten wiederaufnehmen.

Ja, wir würden gerne die Vorträge und Fahrten nachholen, besonders den geplanten Festvortrag des ehemaligen Bischofs der Evangelischen Kirche von Kurhessen und Wal-deck, Martin Hein, zum Themenkomplex »500 Jahre Reichstag in Worms und Luthers Aufenthalt in Friedberg«.

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