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Erwin Gerhardt mit seinen Unterlagen. FOTO: JOL

Ein Heiligabend mit Bombengefahr

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Ulrichstein-Helpershain(jol). Als die Bomben fielen, war das Chaos groß: Frauen drängten aus den engen Kirchenbänken und flüchteten schnell nach draußen. Doch im Nachhinein wird so mancher ein Dankgebet in den Himmel geschickt haben, denn beim Bombardement von Helpershain vor 75 Jahren ist kein Ortsbewohner getötet oder verletzt worden. Riesenglück hatte ein älterer Mann, als neben ihm auf der Empore ein Felsbrocken einschlug, der von den Detonationen durch das Kirchendach geschleudert worden war. Lebhaft erinnert sich Erwin Gerhardt an jenen Nachmittag am 24. Dezember 1944, als der damals Siebenjährige mit seiner Mutter und den beiden Geschwistern den Heiligabend-Gottesdienst besuchte.

Am letzten Sonntag, 75 Jahre nach jenem Schicksalstag, berichtete der rüstige Senior in einem Gedenkgottesdienst in dem vertrauten Kirchlein über die Zeit, als der Zweite Weltkrieg direkt in das Vogelsbergdörfchen einzog. Bei Kaffee und Kuchen vertieften die Gottesdienstbesucher das Gehörte. Viele dankten Gerhardt dafür, die Erinnerungen an damals aufgeschrieben und nun auch erzählt zu haben. Gerhardt erinnert sich gut an die Zeit, als sein Vater wie fast alle Männer aus dem Dorf "im Krieg" waren. Mutter und Großmutter versorgten die Landwirtschaft, die älteren Geschwister packten mit an. Der Heiligabend 1944 fiel auf einen Sonntag, wie er sagt. Weil die Kirche nicht zu verdunkeln war, kamen die Dorfbewohner mit Pfarrer Nagel nachmittags in der Kirche zusammen. "Während der Predigt hörten wir Flugzeuglärm." Die Kirchen- besucher waren verängstigt und wurden immer lauter, sodass der Pfarrer immer kräftiger sprach. "Doch plötzlich gab es einen unheimlichen ohrenbetäubenden Lärm", die Explosionen von mehreren Bomben dröhnten nahebei. Die Kirchenbesucher, meist Frauen und Kinder, flüchteten alle zugleich aus dem Raum. Manche Frau wurde niedergetrampelt und kam kaum wieder hoch. "Es war der reine Wahnsinn", heißt es in Gerhardts Erinnerungen. Er selbst hatte "panische Angst". Mit Mühe konnte die Mutter den siebenjährigen Erwin festhalten und die Geschwister einsammeln. Zu Hause fiel der Großmutter ein Stein vom Herzen. Die Druckwelle hatte Staub durch die Ritzen der Türen in Küche und Flur gedrückt. Etwas später ging der ältere Bruder Werner nachschauen, was eigentlich passiert war. Er berichtete, dass 35 Bomben etwa 50 bis 100 Meter von der Kirche entfernt niedergegangen waren.

Wie Gerhardt erfahren hat, kamen die Objekte von einem Bomber, der angeschossen worden war. Der Pilot plante eine Notlandung und warf deshalb die todbringende Fracht über freiem Gelände ab - zufällig nahe Helpershain. Mit viel Glück landete die Ladung auf Äckern, zurückblieben die 35 Bombentrichter und ein Loch im Kirchendach. Wie Gerhardt schätzt, wird Pfarrer Nagel beim Fußmarsch zurück nach Meiches sicher so manches Dankesgebet gehalten haben.

Quelle: Gießener Allgemeine

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