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Können viel erzählen: die Ortsgerichtsmitarbeiter Hartmuth Schäfer (2. v. r.) und Helmut Männche (M.) mit Jens Götting vom Amtsgericht Alsfeld, Bürgermeister Lothar Bott und Richter Klaus Schwaderlapp. FOTO: JOL

Ortsgericht

Ortsgerichtsschöffen im Einsatz am Ort des Verbrechens

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Sie schätzen den Wert eines Hauses bei einem Scheidungsverfahren und stellen Sterbefallanzeigen aus. Manchmal müssen sie dabei sogar an den Ort eines Verbrechens: Ortsgerichtsschöffen.

Man muss etwas über den Wert von Häusern wissen und unbescholten sein - das sind die wichtigsten Voraussetzungen für das Ehrenamt als Mitglied eines Ortsgerichts. Und man sollte nicht zu empfindlich sein angesichts des Zustandes mancher doch sehr heruntergekommener Häuser und schockierter Kunden.

Das verraten Hartmuth Schäfer und Helmut Männche, wenn sie von ihren langjährigen Erfahrungen berichten. Die Gemündener erhielten Ehrenurkunden, weil Schäfer sei 40 Jahren im Ortsgericht und Männche 50 Jahre Tätigkeit als Beamter vorzuweisen hat, gut 30 Jahre als Polizist und fast 20 Jahre im Ortsgericht.

Klaus Schwaderlapp, Direktor des Amtsgerichts, und Jens Götting, der beim Gericht die Aufsicht über die Ortsgerichte führt, waren extra nach Gemünden gefahren, um im dortigen Rathaus die Urkunden zu überreichen. Bürgermeister Lothar Bott spendierte zum besonderen Anlass Sekt und Schnittchen.

Die Mitarbeiter von Ortsgerichten "entlasten die professionelle Justiz enorm", betonten Schwaderlapp und Götting. Besonders wichtig ist ihre Arbeit beim Beglaubigen von Unterschriften. So müssen Vereinsvorstände bei einem Wechsel ihren jeweiligen Namenszug amtlich beglaubigen lassen. "Ihr Einsatz spart viele Wege", lobte Bürgermeister Bott. Zudem sind Ortsgerichte eingebunden bei Sterbefallanzeigen, und die Mitglieder bieten kostengünstig eine Schätzung von Immobilien an.

Auf diese Weise kommen schon einige Stunden an Arbeit zusammen. So schätzt Schäfer, dass es bis zu "sechs bis sieben Stunden dauert", bis ein Haus mit der Dreierdelegation des Ortsgerichts abgegangen ist, die Grundstückspreise ermittelt sind und der Bericht geschrieben ist. Dabei kommt es immer wieder zu Besonderheiten. So erinnert sich Hartmuth Schäfer, dass er bei einer Scheidung das gemeinsame Haus der Noch-Eheleute zu schätzen hatte. "Das war ein schönes Gebäude, und wir haben tief durchgeatmet, als die Summe herauskam", so hoch lag der Betrag am Ende. Das wollte auch der Ehemann und Mitbesitzer des Hauses, der seine Noch-Gattin auszahlen sollte, kaum glauben. Er brauchte dementsprechend eine ganze Weile, bis er die Schätzung akzeptiert hatte.

In einem anderen Fall schauten sich die Ortsgerichtsmitglieder ein komplett herunter gekommenes Gebäude an: "Das war eine Katastrophe, es sah wüst, wüst, wüst aus", erinnern sie sich. Auffallend: Alles, was irgendwie brennbar war, war herausgeschnitten worden und im Winter verheizt, erinnert sich Schäfer. Der Geruch hing dermaßen in den Klamotten, dass ihn seine Frau danach erst mal ins Bad schickte. Helmut Männche ist ein Ortstermin nach einem grausigen Verbrechen besonders in Erinnerung geblieben. Ein Nachbar hatte seine Frau getötet, gut 25 Jahre jünger als er. Das Paar, das aus der Wetterau zugezogen war, hatte sich auseinander gelebt und die Frau ein provisorisches Lager unter dem Dach aufgeschlagen. Am Muttertag 2009 eskalierte die Situation. In der Nacht rannte der Mann rasend vor Eifersucht hinauf und zertrümmerte der Frau mit einem Schlosserhammer den Kopf. Das Ortsgericht wurde eingeschaltet, als die zwölfjährige Tochter der Frau persönliche Dinge aus dem Haus holen wollte. "Wir haben den Tatort abgesichert, damit die Tochter die Spuren des Blutbads nicht sieht", erzählt Männche, der als Polizist in Frankfurt schon so manches Grausige gesehen hat: "Aber das war besonders schlimm."

Die Hauptarbeit im Ortsgericht besteht allerdings im Beglaubigen von Unterschriften. So schätzt Schäfer, dass er in 40 Jahren etwa 1200 Geschäftsvorfälle bearbeitet hat. Etwa 300 Sterbefallanzeigen waren zu schreiben, und rund 100 Immobilienschätzungen waren zu erledigen.

Schwaderlapp erinnerte daran, dass Hartmuth Schäfer 40 Jahre im Ortsgericht für Nieder-Gemünden tätig ist. Die ersten fünf Jahre als Mitglied, seit 35 Jahren als Vorsitzender. Männche wurde für 50 Jahre im Beamtenverhältnis geehrt. Er war 30 Jahre im Polizeidienst, zuletzt in Frankfurt. Hinzu gerechnet werden knapp 20 Jahre als Mitglied im Ortsgericht, wie Götting erläuterte.

Etwas ist noch wichtig: Ortsgerichtsmitglieder müssen im Dorf akzeptiert sein. Deshalb sollten sie neben Kenntnisse über Immobilien einen guten Ruf mitbringen.

Die Aufgaben gehen den Ortsgerichtsmitgliedern nicht aus. Für den Bau des Ohmtaldreiecks für die Autobahn 49 wird es wieder zu vielen Grundstücksverkäufen kommen. Dabei ist die Expertise der Ehrenbeamten gefragt, wie Vorsteher Hartmuth Schäfer sagt. Bürgermeister Bott geht davon aus, dass nicht alle der Transaktionen reibungslos verlaufen. Er schätzt deshalb, dass der Zeitplan der Planungsgesellschaft Deges "eher zu optimistisch ist".

Quelle: Gießener Allgemeine

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