Ignoranz als den »größten Feind« überwinden

Alsfeld (pm). Was Oded Ben Hur, ehemaliger israelischer Botschafter im Vatikan, auszeichnet, ist neben seinem erklärten Optimismus eine bildhafte Sprache, mit der er bei seinem Referat über »die katholische Kirche und das Judentum« in der Christkönigkirche die Zuhörer in seinen Bann schlug und für zwei Stunden intensive Einblicke gewährte.

Alsfeld (pm). Was Oded Ben Hur, ehemaliger israelischer Botschafter im Vatikan, auszeichnet, ist neben seinem erklärten Optimismus eine bildhafte Sprache, mit der er bei seinem Referat über »die katholische Kirche und das Judentum« in der Christkönigkirche die Zuhörer in seinen Bann schlug und für zwei Stunden intensive Einblicke gewährte. Mit der Einladung hatte das katholische Dekanat Alsfeld in Zusammenarbeit mit den Evangelischen Dekanaten Alsfeld und Vogelsberg ein Angebot gemacht, das von vielen interessierten Bürgern wahrgenommen wurde.

Nach der Begrüßung durch Gemeindereferentin Hedwig Kluth warf Oded Ben Hur einen Blick auf 2000 Jahre Geschichte, um den Stand der heutigen Beziehungen zwischen katholischer Kirche und Judentum bewerten zu können. Mit dem Tod von Jesus Christus sei das jüdische Volk als »auserwähltes Volk« vom Christentum ersetzt worden, und die Juden seien in der Folge als Sünder, als für den Tod von Christus verantwortlich gemacht worden.

Aus dieser Überzeugung heraus seien antisemitischen Pogrome bis ins 20. Jahrhundert möglich gewesen. 1904 habe der Zionist Theodor Herzl im Gespräch mit dem damaligen Papst Pius X. die Möglichkeit der Gründung eines israelischen Staates angesprochen. Pius habe seine Ablehnung zu erkennen gegeben und geäußert, dass der Vatikan solche Bestrebungen nicht verhindern könne, er aber mit seinen Priestern abwarte, um die Juden in einem solchen Falle zum Katholizismus zu bekehren. 1919 habe Kardinalstaatssekretär Pietro Gaspari zu verstehen gegeben, dass die Gründung eines israelischen Staates der »größte Albtraum« für den Vatikan sei. Erst durch die rund 20 Jahre später einsetzende Katastrophe des Holocaust habe die katholische Kirche ihre Verantwortung begriffen.

Hitler, so Referent Ben Hur, habe Gott im Zentrum des religiösen Weltbildes durch den Menschen ersetzt. Die Notwendigkeit einer Klassifizierung hätten die Nationalsozialisten durch Rassenlehre und -diskriminierung erreicht. Nach dem Holocaust habe ein tiefgreifender Wandel zwischen Katholizismus und Judentum begonnen, der sich in mehreren Stufen vollzogen habe. In einer Erklärung nach dem Zweiten Weltkrieg habe der Vatikan den Holocaust als Verbrechen bezeichnet.

In den 1950er Jahren sei der Begriff vom »auserwählten Volk« bekräftigt worden. Die Erklärung »Nostra Aetate« des Zweiten Vatikanischen Konzils habe 1965 eine umfassende Neubewertung des Judentums durch die katholische Kirche gebracht. Nach Jahrhunderten des Judenhasses sei dabei die Verbindung der Kirche mit dem Judentum gewürdigt, die pauschale Verurteilung des jüdischen Volkes für den Kreuzestod Jesu zurückgewiesen und jegliche Form des Antisemitismus verurteilt worden.

Papst Johannes Paul II. habe später in vier Schritten Entscheidendes geleistet: Er habe bei seinem Auschwitz-Besuch 1979 um Vergebung gebeten, habe die Juden »unsere älteren Brüder« genannt, 1993 diplomatische Beziehungen des Vatikan mit Israel eingeleitet und bei seiner Pilgerreise nach Jerusalem im Jahre 2000 durch seinen Besuch des israelischen Premiers die Anerkennung der Souveränität des Staates Israel demonstriert.

Als Oded Ben Hur 2003 seine Tätigkeit als Botschafter im Vatikan aufnahm, hatte er in mehreren persönlichen Treffen den damaligen Kardinal Joseph Ratzinger kennen gelernt. Seit seiner Wahl zum Papst vor knapp vier Jahren habe er »unglaublich viel bewegt«, sagte der Referent.

An Benedikt XVI. schätzte er dessen »starke und mutige Position«, mit der er dem Islam gegenübertrete. Er rechtfertigte die Regensburger Rede des Papstes, in der »die Asymmetrie zwischen Christentum und Islam« verdeutlicht worden sei. »Es gibt keinen Respekt im Islam gegenüber dem Christentum«, meinte Ben Hur und belegte dies mit dem Umstand, dass Christen in muslimischen Ländern keine Möglichkeit hätten, öffentlich ihren Glauben zu leben, »aber Moslems in Europa die größten Moscheen errichten dürfen«. Es habe Papst Benedikt XVI. Courage abverlangt, dazu aufzufordern, »Gewalt und Terror aus der Religion herauszulassen«. Er sei auch nach harscher Kritik »in der Sache standhaft geblieben«.

Für die geplante Israelreise des Papstes im kommenden Mai sieht Oded Ben Hur die Möglichkeit, dass sich der »Kreis der Geschichte« zwischen Deutschen und Israelis schließen könne und Platz für Neues entstehe. Für die Bereitschaft des Papstes dazu führte Ben Hur den Besuch in der Kölner Synagoge 2005 und den Besuch in Auschwitz auf der Pilgerreise durch Polen im Jahr darauf an.

Um ein friedliches Zusammenleben der Weltreligionen zu ermöglichen, sei ein »ewiger Marathonlauf« zu leisten, in dem es gelte »unseren größten Feind, die Ignoranz« zu überwinden. In vielen interreligiösen Dialogen hatte Ben Hur festgestellt, dass es sich lediglich um den »Austausch von Monologen« gehandelt habe. »Man will einander nicht kennen lernen«, resümierte der Referent und sah den Fehler darin, dass der zweite vor dem ersten Schritt gemacht werde. Zunächst müsse man sich mit der Religion des anderen beschäftigen, um sich im Dialog begegnen zu können. Dies müsse bereits in den Schulen beginnen, wo Bildung für Verstehen und Toleranz sorgen könne. »Der Abgrund zwischen den Religionen kann nur durch die Religionen selbst überbrückt werden«, schloss Ben Hur. Dazu sei eine Führung vonnöten, die er in erster Linie dem Papst zutraue.

Nach seinem Referat ging Oded Ben Hur auf die Fragen der Besucher ein. Zu einer konstruktiver Lösung zwischen Israelis und Palästinensern sagte er: »Zum Tangotanzen gehören immer zwei«, und drückte damit aus, dass seiner Einschätzung zufolge die politisch Verantwortlichen in Palästina wenig Interesse an einem friedlichen Miteinander hätten, wobei er unterstrich, dass die Mehrheit der Palästinenser »Opfer ihrer politischen Führer« sei. Erschwerend komme hinzu, dass deren Spaltung in Hamas und Fatah einen Friedensprozess noch komplizierter mache. Auf die militärischen Aktionen Israels angesprochen, stellte Ben Hur die hypothetische Frage in den Raum, wie sich wohl die Regierung Merkel verhielte, wenn beinahe täglich deutsche Kleinstädte mit Raketen angegriffen würden...

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare