23. Oktober 2017, 22:05 Uhr

Mord im Staate P.

Für ihn galten seine eigenen Regeln. Daher durfte er seiner Meinung nach auch auf Polizisten schießen, die ihn in seinem Haus »überfielen«: So erklärt die Richterin die tödlichen Schüsse eines »Reichsbürgers« auf Beamte. Nun muss der 50-Jährige in Haft.
23. Oktober 2017, 22:05 Uhr
Gezielt geschossen: Der Angeklagte Wolfgang P. wurde wegen Mordes an einen Polizisten zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. (Foto: dpa)

Er war bereit, sein von ihm geschaffenes »Staatsgebiet« mit »Blut, Eisen und Feuer« zu verteidigen. So zitiert die Vorsitzende Richterin Barbara Richter-Zeininger aus Dokumenten von Wolfgang P. Der 50-Jährige aus Georgensgmünd habe die Bundesrepublik Deutschland und ihre Amtsträger nicht anerkannt. Er habe sie als eine GmbH gesehen, an deren Gesetze er sich nicht halten muss. Stattdessen habe er sich seine eigenen Regeln gegeben – die ihm erlauben, Gewalt anzuwenden, um sich oder seinen Besitz zu schützen.

Aus dieser Gesinnung heraus habe er bei einem Polizeieinsatz am 19. Oktober 2016 auf Beamte geschossen, einen von ihnen getötet und zwei verletzt. Damals sollten die rund 30 Waffen des 50-Jährigen beschlagnahmt werden. Wegen Mordes und zweifachen versuchten Mordes verurteilt das Landgericht in Nürnberg den 50-Jährigen zu lebenslanger Haft.

Als P. den Gerichtssaal betritt – wie immer in weißem Hemd und grauem Anzug – hat er ein Lächeln im Gesicht. Die ausführliche Urteilsbegründung nimmt er dann weitgehend regungslos hin. Nur als die Richterin mehrere seiner eigenen Sätze vorliest, schüttelt er den Kopf. Ihm gegenüber sitzt die Mutter des Beamten, den er vor einem Jahr getötet hat. Sie muss sich Tränen wegwischen, während die Vorsitzende ausführlich erklärt, wie es zu der Tat kommen konnte.

Eigene Gesetze gemacht

P. habe sich nach einem schweren Unfall vor 16 Jahren immer mehr verändert und sein »eigenes System« aufgebaut, sagt die Richterin. Er gab seinen Personalausweis ab, meldete seinen Wohnsitz und seine Kampfsportschule ab, zahlte keine Steuern und Gebühren mehr. Er »gründete den absoluten Staate P.«, gab sich »allgemeine Geschäftsbedingungen« und sogar eine »Gebührenordnung«. Seinen Briefkasten markierte er mit der Aufschrift »Abfall«. Der Fall hatte ein Schlaglicht auf die Bewegung der »Reichsbürger« geworfen. Davor waren sie von vielen als »Spinner« abgetan worden.

Wenn Polizisten oder andere Behördenvertreter zu P. kamen, durften diese seinen »Staat« nur auf Einladung betreten. Mit gelben Linien um sein Grundstück markierte er sein Reich. Bei einer solchen Gelegenheit wurde er schnell aggressiv. Eine Kontrolle der Waffen in seinem Haus ließ er nicht zu. Das Landratsamt beschloss daher, P.s Waffenerlaubnisse zu widerrufen. P. erkannte diesen Bescheid nicht an. Stattdessen erkundigte er sich kurz darauf bei einem befreundeten Polizisten, was gegen ihn vorliegt und geplant ist.

Nur wenige Tage vor dem Einsatz äußerte er bei einem Pokerabend, dass er damit rechnet, dass Spezialeinsatzkräfte (SEK) zu ihm kommen. Laut einem Zeugen sagte P.: »Ein paar von denen nehme ich mit.« Und als am Abend vor dem Einsatz die Straßenlaternen neben P.s Haus ausgeschaltet wurden, sagte der 50-Jährige zu einem Bekannten sinngemäß: »Die werden doch jetzt wohl nicht kommen?« Die Richterin ist überzeugt: »Spätestens ab diesem Zeitpunkt rechnete der Angeklagte mit einem in Kürze bevorstehenden Einsatz der Polizei.«

Als die Beamten am frühen Morgen sein Haus stürmten, riefen sie mehrfach laut »Polizei«. Dies habe der Angeklagte gehört und er habe auch das Blaulicht vor seiner Tür gesehen. Daraufhin habe er seine unter dem Kopfkissen liegende Pistole genommen und durch die teilverglaste Wohnungstür elfmal auf die Beamten gefeuert. Sieben Schüsse trafen einen 32-Jährigen. »Eine gute Trefferquote«, sagt die Richterin. Ein Projektil durchdrang die Lunge des Mannes. Er starb später an einem Hirnschaden wegen Sauerstoffunterversorgung.

Dabei habe P. erkannt, dass es sich vor seiner Tür um SEK-Beamte handelt. Er habe Helme und ein Polizeischild sehen können. P. habe auch »nicht blindwütig drauflos geschossen«, betont die Richterin. Er habe eine Entscheidung getroffen – ob er als »Held oder Arschloch« dastehen wird. Dies erzählt er später dem psychiatrischen Gutachter. Und er habe sich entschieden, gezielt auf den ungeschützten Beamten zu schießen, sagt Richter-Zeininger.

Die Kammer sieht zwei Mordmerkmale als erfüllt: Heimtücke und niedere Beweggründe. SEK-Beamte rechneten zwar mit Angriffen. Trotzdem könnten sie arg- und wehrlos sein – wie in diesem Fall der 32-Jährige. »Es kommt auf den konkreten Angriff und die konkrete Situation an«, betont die Richterin. Mit den Kollegen an seiner Seite habe sich der 32-Jährige »keiner Gefahr ausgesetzt« gefühlt und dem »plötzlichen Angriff auch nichts entgegensetzen« können.

Obwohl P. die Gerichte in Deutschland nicht anerkennt, hofft er nun auf eines: Seine Anwältin Susanne Koller kündigt an, in Revision zu gehen. Nebenklageanwältin Monika Goller will keine Revision einlegen. Sie vertrat die Eltern des getöteten Beamten. »Ich bin zufrieden mit dem Urteil. Die Kammer hat den Angeklagten als das verurteilt, was er ist: ein Mörder«, sagt Goller. Für Mutter und Vater des 32-Jährigen sei das Urteil eine »Erleichterung«. »Es war ein Schlusspunkt. Es fällt jetzt leichter, das Geschehen zu verarbeiten.«

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