Zeit für "verbale Geschenke"

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Heute ist der Welttag des Kompliments. Er soll anregen, Mitmenschen häufiger mal ein freundliches Wort zu schenken. Doch wann ist ein Kompliment angebracht, und wann eher nicht? Was lösen sie in uns aus und wo verläuft die Grenze zur Belästigung? Wir haben mit Kommunikationstrainerin Ingrid Maria Marx darüber gesprochen.

Heute ist der Welttag des Kompliments. Was halten Sie von solch einem Mottotag?

Ingrid Maria Marx: Wenn er dazu dient, dass sich Menschen zu bestimmten Sachverhalten mehr Gedanken machen, finde ich das gut. Solche Tage regen vielleicht an, das eigene Handeln zu reflektieren. Wie gehe ich mit meinen Nächsten um? Gibt es etwas, dass ich verbessern könnte? Es wäre schön, wenn das gelingt.

Warum machen wir anderen Menschen Komplimente?

Marx: Weil wir miteinander Kontakt haben wollen. Wir sind interaktive Wesen, ständig im Austausch miteinander. Um in diesen Austausch zu kommen, muss ich den anderen öffnen, ihm eine Bereitschaft entlocken. Das gelingt durch Komplimente. Natürlich sind sie auch dazu da, anderen eine Freude zu machen.

Was lösen Komplimente bei ihren Empfängern aus?

Marx: Komplimente sind im Grunde ein verbales Geschenk. Wenn ich Ihnen eine Blume schenke, freuen Sie sich. Bei einem verbalen Geschenk ist es das Gleiche. Wenn ich Ihnen sage, Sie haben ein sympathisches Lächeln, was machen Sie dann?

Ich freue mich.

Marx: Genau.

Aber das trifft nicht auf jeden zu. Manche Menschen werden zum Beispiel rot und sind verlegen.

Marx: Rot anlaufen wäre ein Ausdruck des Schams, was bedeuten könnte, dass Sie etwas angesprochen haben, das der anderen Person unangenehm oder gar peinlich ist. Das wäre ein Fettnapf. Es gibt auch Menschen, die auf Komplimente nicht reagieren. Dann kommt es darauf an, wie interessiert Sie an ihrem Gegenüber sind. Ob Sie es auf sich beruhen lassen wollen oder eine Form finden, es anzusprechen. Das hängt natürlich sehr vom Verhältnis ab. Bei einem Beziehungspartner würde man das Thema eher ansprechen, bei einem Fremden auf sich beruhen lassen.

Woran merke ich, ob das Kompliment aufrichtig gemeint ist oder nicht?

Marx: Das ist nicht so einfach. Wir alle lassen uns täuschen. Es liegt an unserer Sensibilität, es zu merken. Generell kann man sagen, dass ein Kompliment umso echter wirkt, je authentischer und ehrlicher es gemeint ist. Eine simple Floskel oder übertriebene Schwärmerei wirken auch oft aufgesetzt.

Die Grenze zwischen Kompliment und Belästigung ist schmal. Was kann ein Mann einer Frau sagen, was sollte er lieber vermeiden?

Marx: Das kommt auf die Beziehungsebene an. Was in einer Beziehung angemessen ist, kann in der anderen unangebracht sein. Unter guten Freunden kann man auch mal ein Kompliment über die Figur äußern. Aber in Beziehungen, die ich nicht einschätzen kann, erst recht im Arbeitsumfeld, würde ich die Körperlichkeit nicht ansprechen.

Manchen Menschen fällt es schwer, Komplimente zu machen, weil Sie Sorge haben, der Gegenüber könnte es als Avance missverstehen.

Marx: Das ist natürlich nicht auszuschließen. Die Kommunikation zwischen Sender und Empfänger ist immer störanfällig. Aber auch hier gilt: Je ehrlicher das Gesagte gemeint ist, desto größer ist die Chance, dass es angenommen wird.

Wie reagiere ich auf ein unerwünschtes oder unangemessenes Kompliment?

Marx: In vertrauten Beziehungen kann man eher mal sagen: "Ich weiß, du wolltest mir eine Freude machen, aber da bin ich empfindlich." Aber auch in formalen Kontakten können Männer und Frauen unangebrachte Sprüche zurückweisen und sagen: "Das geht Sie nichts an."

Nicht nur Komplimente zwischen Männern und Frauen können problematisch sein, sondern auch zwischen Vertretern zwischen unterschiedlichen Positionen. Ist es angebracht, meinem Chef ein Kompliment zu machen?

Marx: Theoretisch spricht nichts dagegen. Man sollte nur aufpassen, wie man es sagt. Äußert man überschwänglich Bewunderung, kann das als Einschleimen aufgefasst werden. Im Zweifel würde ich es lieber lassen.

Und ein Kompliment vom Chef für den Angestellten?

Marx: Das finde ich im Gegensatz sogar recht hilfreich. Weil ein Kompliment in enger Verbindung zur Wertschätzung steht. Und Wertschätzung vertieft den menschlichen Kontakt und steigert die Motivation sowie die Bereitschaft eines Mitarbeiters. Solche Komplimente sind also sinnvoll.

Quelle: Gießener Allgemeine

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