Harald Martenstein.
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Harald Martenstein.

»Zeit«-Kolumnist Harald Martenstein bei Thalia

Was Harald Martenstein in seinen »Zeit«-Kolumnen wortgewandt seinem (selbst)kritischen, bisweilen sarkastischen und nachdenklichen Blick unterzieht, wurde bei einer Lesung des Literarischen Zentrums in der Thalia-Buchhandlung aus dem Mund des vielfach ausgezeichneten Journalisten selbst hörbar.

Donnerstag ist Martenstein-Tag. Dann erscheint die neue Ausgabe der »Zeit«. Dass viele dabei erst einmal zum »Zeit«-Magazin greifen, liegt nicht unwesentlich an den witzigen und zugleich geistreichen Kolumnen. Was Harald Martenstein hier wortgewandt seinem selbstkritischen, bisweilen sarkastischen und nachdenklichen Blick unterzieht, wurde am Donnerstag, bei einer Lesung des Literarischen Zentrums in der Thalia-Buchhandlung, aus dem Mund des vielfach ausgezeichneten Journalisten selbst hörbar.

Dass dieser nur über Dinge schreibt, die »auch passiert sind«, ist nur ein Markenzeichen seiner Texte, in denen er zwar in vermeintliche menschliche und gesellschaftliche Schwachstellen mit dem Finger piekt, diesen aber niemals überheblich in die Höhe reckt. Als Moralisten sieht er sich nicht, auch wenn seine Themen davon nicht gänzlich unbelastet sind. Er kokettiert bisweilen damit, doch schreibt hier einer über Dinge, die früher besser waren, wie etwa der Erwerb grundlegender kultureller Kompetenzen, wie der Rechtschreibung oder gesellschaftskritischer, wie in der eigenen Jugend.

Dass viele seiner Texte aus der eigenen familiären »Aufzuchtphase« stammen, liegt das nahe. Bei pubertierenden Söhnen mit intellektuellen Vätern, die selbst in den 68er Jahren geprägt wurden, kann das nicht ausbleiben. So ist das geneigte Publikum, zahlreich bei Thalia vertreten, darunter die Väter-Generation ebenso wie die der Mütter und die der Pubertät entwachsenen Abkömmlinge, schon von dem Satz »Mein Sohn ist in der Pubertät!« erheitert. Witzig und unterhaltend wird das mit einem Vater wie Martenstein, der mit aller ihm zur Verfügung stehenden Wortgewalt, die Jugendsprache einer sozial-psychologischen Analyse unterzieht und konsequent auf die Spitze treibt.

Der Sohn als Inspirationsquelle

Lebensweise und Ansichten des Sohnes sind eine beliebte Quelle des am liebsten bei 14 Grad im dunklen Zimmer schreibenden Journalisten.

An der Trägheit des Sohnes verzweifelnd, wünscht der sich, als ehemaliger Kriegsdienstverweigerer die Wehrpflicht zurück, oder sieht die göttliche Ordnung in Gefahr, angesichts der exklusiven Handy-Wünsche des anspruchsvollen Sprösslings, der damit nicht etwa telefonieren, sondern protzen will. In dessen eloquenter Retourkutsche über den nicht erfüllten, lebenserhaltenden Weihnachtswunsch, sieht er sich mit den Folgen seiner Erziehung konfrontiert.

Dabei erweist sich der Autor als ausgesprochen unterhaltsamer Leser der eigenen Worte, an denen er sichtlich Spaß hat. Da muss er gar nichts vortäuschen, wie etwa gegenüber dem Ansinnen seiner Redaktion »lustige Verbrauchertipps« zu schreiben. Die liefert er prompt und regelmäßig ab, denn »im Grunde sind ja alles Verbraucherthemen«. Wie etwa der Umgang mit völlig überzogen überqualifizierten Bewerbungen, wenn man doch in Wirklichkeit »bestenfalls ein mittelmäßig kompetentes Mängelexemplar sucht« – wie sich selbst. Wer sich nicht beim kritischen Blick auf Trends und Modeerscheinungen entlarvt fühlt, der findet sich in den selbstironischen Blickwinkeln wieder.

Politisch völlig unkorrekt, vergreift er sich an linken Politikerinnen, die die Diskriminierung von Menschen bei Schönheitswettbewerben anprangern, oder vermeintlich traumatisierten Feministinnen, die ihm »Alt-Herren-Witz« vorwerfen. Nicht immer kann er da die Distanz zur eigenen Person wahren.

Er will sich selbst amüsieren

Sehr selten komme es vor, dass ein Journalist mit seinen Texten etwas bewirken könne, bekennt er. Gelegentlich jedoch sei ihm das gelungen. Etwa mit dem Text über den »vorgetäuschten Orgasmus bei Frauen«, bei dem er auf das bis dahin verschwiegene Phänomen des »vertuschten« sexuellen Höhenpunkts gestoßen sei, was nicht zu einem »Stern«-Titel »Ich habe vertuscht« mit Porträts von Alice Schwarzer bis Veronika Ferres gediehen sei, aber zu der Entdeckung, dass »travel pussies« am Kondomautomaten einen Euro weniger kosten als bei Amazon, was dazu geführt habe, dass Letztere den Preis senkten. »Man kann sich die eigenen Erfolge nicht aussuchen!«, meint der Mann augenzwinkernd, der alle wichtigen Auszeichnungen bereits eingeheimst hat, vom Egon-Erwin-Kisch-Preis bis zum Curt-Goetz-Ring.

Leider seien die Reaktionen auf seine Texte selten besonders kritisch oder gar tumultartig. Nur hin und wieder biete sich daher ein Leserbrief als Inhalt für die seit 15 Jahren erscheinenden Kolumnen an. Mittlerweile sind aus den wöchentlichen Texten mehrere Bücher mit Titeln wie »Romantische Nächte im Zoo« oder »Ansichten eines Hausschweins« entstanden.

Mit dem Ort (Hessen) und der Jahreszeit (Ostern) angepassten Passagen begeisterte er sein Gießener Publikum, ohne dabei den Hinweis auf seine zwei bereits veröffentlichten und den dritten Roman in Arbeit zu versäumen. Woran er erkennen könne, ob seine Texte witzig seien, fragt ein Zuhörer zum Schluss. Das wisse er nicht. Kriterium sei für ihn, ob er sich selbst amüsiere. Das wurde am Donnerstag spürbar. Seine sprachliche Stärke wurde genau dadurch sichtbar, dass Martenstein genauso ist, wie seine Kolumne. Doris Wirkner

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