WG-Serie

Wohnen in Gießen zwischen Studium und Glaube

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In der Henselstraße 7 in Gießen gibt es drei normale Wohngemeinschaften. Mit einem Unterschied: In dem Haus der Evangelischen Studierendengemeinde spielt der Glaube eine tragende Rolle.

Ein strahlend weiß gestrichenes Treppenhaus, ohne Schnickschnack an der Wand, der Boden braun gefließt und sauber. Für ein Haus, in dem drei studentische Wohngemeinschaften leben, ist so viel Ordnung eher untypisch. Dieses Gebäude vis-à-vis der Eintracht-Stammkneipe "Kaffee Wolkenlos" ist zwar auch ein WG-Haus, aber noch weit mehr. Hier residiert die Evangelische Studierendengemeinde (ESG) als Anlaufstelle für alle, die neben dem Studium einen Ort des Glaubens suchen. Im Erdgeschoss erhalten Geflüchtete Nachhilfe, hier finden Andachten, Gemeinschaftsabende und mehr statt. In der ersten Etage folgen weitere Gemeinschafträume der Hochschulgemeinde und Büros. In den zwei Stockwerken darüber sind eine Dreier-, eine Vierer- und eine Sechser-WG untergebracht.

Keine Zweck-WG

Herzlich und laut lachend sitzen Myriel Schiller, Shabnam Amedova und Betina Pehuiewo in der aufgeräumten Küche der großen ESG-WG zusammen. Mit dabei sind auch Vera Scheuermeyer und Magnus Pentzlin, die ebenfalls im Haus wohnen. Sie alle sind zwischen Anfang und Mitte 20, studieren unterschiedliche Fächer – von Medizin über Lehramt bis zu Bio-Technologie. Dass diese WG sich in einem christlichen Haus befindet, lässt die geräumige Wohnküche nicht ohne Weiteres erahnen. An einer Wand sind allerlei Postkarten akkurat arrangiert. Auf dem Küchentisch stehen Teetassen und Kekse. Das Vorratsregal weist darauf hin, dass in dieser Wohngemeinschaft gesunde Ernährung hoch im Kurs steht. Die Chemie zwischen den Bewohnern stimmt, das wird schnell klar. "Wir sind keine Zweck-WG, sondern auf Gemeinschaft aus", sagt Schiller lächelnd. Sie ist im Dezember eingezogen, die anderen wohnen schon etwas länger hier. Tagsüber sind alle im Studium eingespannt, abends sitzen sie oft zusammen, kochen, spielen, plaudern. Im Grunde eine ganz normale WG, doch was macht sie aus Sicht ihrer Mitglieder besonders? "Wir präsentieren uns auch nach außen hin, haben zum Beispiel ESG-Kapuzenpullis", sagt Amedova. Ein Stück weit sind die Bewohner auch Aushängeschilder der Gemeinde, einige engagieren sich im ESG-Rat. Sie halte es aber für wichtig, die Bewohner nicht mit der Gemeinde gleichzusetzen, sagt ESG-Geschäftsführerin und Hochschulpfarrerin Jutta Becher.

Leute, die hier wohnen, sind sehr kontaktfreudig

Vera Scheuermeyer, Bewohnerin einer ESG-WG

Auch wenn der Name vielleicht anderes vermuten lässt: Die Evangelische Studierendengemeinde richtet sich nicht nur an junge Leute protestantischen Glaubens. Hier wohnen zurzeit auch Katholiken und syrisch-orthodoxe Gläubige, einige kommen aus dem Ausland. Die WG-Zimmer sind äußerst begehrt. Was sollte ein künftiger Mitbewohner mitbringen? "Man kann schon sagen: Leute, die hier wohnen, sind sehr kontaktfreudig und aufgeweckt. Man sollte sich schon einbringen", sagt Scheuermeyer. Auch ein gewisses Interesse an Spiritualität und Glaubensfragen verbindet die WGs. Doch was wäre, wenn ein Atheist oder Agnostiker für ein Zimmer vorsprechen würde? Jemand, der sich mit Theologie auseinandersetzt, letztlich aber die Existenz einer höheren Macht anzweifelt oder verneint? "Das könnte umso spannender werden", antwortet Amedova.

Engagement wird vorausgesetzt

Wer in eine WG einziehen will, muss üblicherweise nur seine künftigen Mitbewohner überzeugen. In den ESG-WGs kommt noch eine zweite Hürde hinzu. Auch die hauptamtlichen Mitarbeiter um Pfarrerin Jutta Becher wollen sich einen Eindruck verschaffen. Dieser zweite Termin sei aber eher eine Formsache, sagt Becher: "Wenn die WG sich für jemanden entschieden hat, müsste ich schon sehr große Zweifel haben. Das sind ja alles clevere, fitte junge Menschen, da vertraue ich erstmal auf deren Entscheidung." Wer einen Platz in der WG ergattert hat, dem winken Privilegien: Ein günstiges Zimmer in zentraler Lage, Partykeller mit Beamer und Kicker, großzügige Gemeinschaftsräume. Hauseigentümer ist die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, sodass über die ESG ein guter Draht zum Vermieter besteht. Im Gegenzug wird ein gewisses Maß an ehrenamtlicher Mitarbeit in der ESG erwartet. Auch der Kontakt zu anderen Studierendengemeinden in Deutschland spielt eine große Rolle. Mitunter muss sich das Engagement erst einpendeln. "Es gibt auch Leute, die sich komplett raushalten, das ist schade", sagt Scheuermeyer, doch das sei eher die Ausnahme. Pfarrerin Becher hat Verständnis dafür, dass sich mancher schwer tut: "Runter in die Gruppe gehen, das ist nicht jedermanns Sache, da muss man reinfinden."

"Es ist eine Bereicherung, mit verschiedenen Menschen zusammen zu sein", erklärt Amedova, auch wenn es natürlich auch mal Meinungsverschiedenheiten über Küchendienste oder andere Tücken des WG-Alltags gebe. Sie und ihre Mitbewohner leben gern hier. Doch alle wissen, dass das Ende der gemeinsamen WG-Zeit absehbar ist: Das Mietverhältnis endet mit Ablauf der Regelstudienzeit.

Quelle: Gießener Allgemeine

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