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»Wie kann ich ich sein?«

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Von: Sophie Röder

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Im Film telefoniert Rikku mit ihrer Oma, die sie auf dem Weg, eine Frau zu werden, unterstützt. Den Kontakt zur Mutter hat Rikku abgebrochen. © Oliver Schepp

Genderdiversität ist ein häufig diskutiertes Thema. Viele Debatten werden ohne die Betroffenen geführt. Der Film »Trans - I got life« gibt einen Einblick in das Leben und die Gefühle von Trans-Menschen.

Ich finde es krass, dass ihr Vater sie nicht akzeptiert«, sagte eine Schülerin der Willy-Brandt-Schule auf die Frage, welcher Moment des Films »Trans - I got live« bei ihr nachwirke. Die Aussage bezieht sich auf Jana, die sich von Kindesbeinen an als Mädchen gefühlt hat, jedoch biologisch als Junge mit dem Namen Elias zur Welt gekommen ist. Mit neun Jahren stellt Jana ihren Vater vor die Wahl: »Entweder Du akzeptierst mich als Mädchen oder Du brauchst Dich nicht mehr bei mir melden.« Der Vater hat den Kontakt abgebrochen.

Der Film »Trans - I got life« wurde im Rahmen der Schulkinowochen auch in Gießen gezeigt. Im Anschluss konnten die Schülerinnen und Schüler Fragen an Expert*innen stellen. »Kinder wollen akzeptiert werden. Wenn ich mit neun Jahren bereit bin, auf meinen Papa zu verzichten, heißt das schon was«, sagt Heik Zimmermann Koordinator*in des Kompetenzzentrums Trans* und Diversität (KTD) Frankfurt. Zimmermann und Kimberly May Kaus, von der Aidshilfe Gießen, standen als Expert*innen Rede und Antwort.

Für Trans-Menschen - Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde - sei oft die Frage wichtig: »Wie kann ich ich sein und anerkannt werden?« Im Film kommen auch Chirurginnen und Chirurgen zu Wort, die Geschlechtsangleichungen ermöglichen. Daher kam die Frage auf, ob es zwangsläufig auf eine Operation hinauslaufe. Kaus sagte: »Das ist von Person zu Person unterschiedlich. Nicht alle brauchen eine Operation. Die Frage ist, ›wo fängt meine Transition an? Womit fühle ich mich wohl?‹ Dafür versuchen wir, zu sensibilisieren.« Zimmermann ergänzte: »Ich ermutige, Stück für Stück vorzugehen. Es ist stets die Frage, was brauche ich, um mich wohlzufühlen. Daher sollte man nach jedem Stück kurz innehalten und überprüfen, wie man sich fühlt.«

Viele Trans-Menschen hätten Ängste, die dazu führten, dass man sich nicht traue. Um andere Trans-Personen zu unterstützen und ihnen einen »Safespace« zu schaffen, hat Kaus zusammen mit zwei anderen Trans-Frauen den Trans*Treff Mittelhessen für alle Trans*-, Inter- und Non-Binary-Personen im Hans-Peter-Hauschildhaus in Gießen gegründet. »Bei uns können sich Personen mit anderen Personen austauschen und haben einen Schutzraum, um sich auszuprobieren. Das hilft, den ersten Schritt zu gehen.«

Im Alltag würden danach Widerstände auftreten. Als Beispiel nennt Zimmermann, dass es bei vielen Verwaltungen immer noch nicht die Option divers gebe, sondern nur männlich oder weiblich. Eine weitere Hürde liege in der Sprache. Soziale Medien könnten eine Hilfe sein, da man sich dort austauschen könne, aber ebenso die »Hölle«, da man dort Hass begegne, sagen Zimmermann und Kaus.

Ein Schüler berichtete, dass er als Teenager bei jemandem, der sich geoutet habe, mitbekommen habe, wie dieser beleidigt und mit falschen Präpositionen angesprochen worden sei, um diesen zu verletzten. Doch an der Berufsschule schätze er die Situation anders ein: »Ich denke, wir sind reifer.«

Unterricht im Kino

»Trans - I got live« lief am letzten Schultag vor den Osterferien als »Nachspielzeit« der 16. Schulkinowochen Hessens. Wie das Deutsche Filminstitut und Filmmuseum mitteilte, haben mehr als 43 000 Schülerinnen und Schüler an dem Angebot teilgenommen.

Bei den Filmvorführungen gab es stets die Möglichkeit, anschließend mit Fachkräften über die Filme zu sprechen und Fragen zu stellen. Getreu dem Motto »Kino als Klassenzimmer«.

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