Vitos: Von Landesheilanstalt zur modernen Fachklinik

Gießen (son). Auf eine lange Tradition, geprägt von zahlreichen Veränderungen und Entwicklungen, blickt die Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie zurück. Vor 100 Jahren wurde sie als Heil-und Pflegeanstalt in der Licher Straße gegründet.

Am Freitagabend wurde im ehrwürdigen Ambiente des Stadttheaters mit 300 geladenen Gästen der runde Geburtstag gefeiert.

»Wer kennt sie nicht – die Hupla, das PKH oder einfach nur die Licher Straße, wie die Klinik im Volksmund genannt wird?«, sagte Vitos-Geschäftsführer Tim Allendörfer bei der Begrüßung. In den vergangenen 100 Jahren habe sich viel getan – die Psychiatrie habe sich in einem enormen Prozess zu einer medizinischen Disziplin entwickelt. »Vielen Menschen kann heute gut geholfen werden«. Auch das dunkle Kapitel der Klinikgeschichte in der NS-Zeit klammerte Allendörfer nicht aus. »Unsere Einrichtung hat sich an Menschen schuldig gemacht und ein menschenverachtendes Regime unterstützt«. Das müsse als mahnendes Beispiel in Erinnerung bleiben. Heute wolle man Vorbehalte und Mythen über die Anstalt in der Öffentlichkeit abbauen, denn seelische Krankheiten könnten jeden Menschen treffen.

Für den Landesdirektor des Landeswohlfahrtverbandes Hessen, Uwe Brückmann, war das Jubiläum ein Anlass, besonders den Mitarbeitern zu danken, die dazu beitragen, dass sich das Haus so gut entwickelt und den neuen Herausforderungen stellt. »Mit dem Neubau werden sich die Behandlungsmöglichkeiten weiter verbessern«, zeigte er sich überzeugt. Reinhard Belling, Geschäftsführer der Vitos GmbH Kassel sprach von einer gelebten Tradition des Einsatzes der Mitarbeiter.

Nach einem Film über die Geschichte der Klinik (die AZ berichtete) und einem musikalischen Intermezzo der Schmachtigallen, sprach der ärztliche Direktor Dr. Matthias J. Müller über neue Methoden und Therapien, die in der Behandlung psychischer Erkrankungen zum Tragen kommen. Gerade die nicht medikamentösen Therapien seien empirisch nachweisbar wirksam und führen zu einem langfristigen Erfolg. »Schlüsselwörter des Therapieerfolges sind Achtsamkeit und Akzeptanz«, sagte Müller. »Unser Team ist multiprofessionell, bei dem der Patient im Mittelpunkt des Handelns und Tuns steht«.

Die Staatssekretärin im hessischen Sozialministerium, Petra Müller-Klepper, würdigte die innovative Entwicklung und die zentrale Funktion von Vitos im Versorgungsnetz. »Der Weg führte von der Landes-Heil- und Pflegeanstalt über das psychiatrische Krankenhaus hin zur modernen Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, die derzeit gemeinsam mit der Klinik Lahnhöhe und der Klinik in Marburg das größte Fachkrankenhaus dieser Art in Hessen ist«, erklärte sie. Die Einrichtung spiegele nicht nur die Geschichte der Psychiatrie wider, sondern habe diese nachhaltig mitgeschrieben. Insbesondere während der Psychiatriereform der 70er und 80er Jahre seien von ihr entscheidende Impulse für die sozialpsychiatrische Versorgung in der Region und ganz Hessen ausgegangen. Gegenwärtig wird die Psychiatrie in Hessen nach den Worten der Staatssekretärin durch steigende Fallzahlen vor neue Herausforderungen gestellt. »Vor allem Kinder und Jugendliche brauchen immer häufiger therapeutische Hilfe.« Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz betonte die gute Zusammenarbeit zwischen Stadt und Klinik, was Pflegedirektor Achim Pex unterstrich. »Menschen mit psychischen Erkrankungen brauchen Schutz, Erfahrung und Gelassenheit«, so Grabe-Bolz. Die Stadt Gießen habe diese Erfahrung und Gelassenheit, die Teil der Integrationskraft von Gießen sei.

Impulse aus der Bergwelt für die täglichen Herausforderungen der anstrengenden Klinikarbeit gab Profibergsteiger Alexander Huber in seinem Festvortrag. Huber, der vor einigen Jahren selbst an einer Angststörung litt und auf professionelle Hilfe angewiesen war, schilderte auf eindrucksvolle Weise die Faszination des Bergsteigens. »Ziele zu sehen und Herausforderungen anzunehmen, das ist die große Kunst des Pioniers, das macht die visionäre Kraft eines Menschen aus«, sagte er. Wie man auch aus Niederlagen Kraft für einen Neubeginn schöpfen könne, beschrieb er am Beispiel der Besteigung der eintausend Meter hohen Steilwand »Nose« im kalifornischen Yosemite-Nationalpark. Nach einem Sturz seines Bruders Thomas, bei dem dieser sich schwere Prellungen zuzog, mussten sie den Rekordversuch im Speedklettern an dieser berühmtesten Kletterroute der Welt abbrechen. Das Ziel verlieren sie allerdings nicht aus den Augen. Anderthalb Jahre später greifen sie wieder an und sie bezwingen die Granitwand in Weltrekordzeit. Huber:»Man darf nicht aufgeben und muss den Willen haben, immer wieder dem Berg zu begegnen und ihn zu erklimmen«.

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