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Müllers Reich. In der Hand hält er die Platte "Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band" von seiner Lieblingsband The Beatles.

In Vinyl gepresste Nostalgie

(chh) Schallplatten sind mehr als ein Medium. Sie sind Relikte einer Zeit, in der nicht Justin Bieber, sondern The Beatles die Charts anführten. Wer in Gießen auf Vinyl gepresste Nostalgie sucht, landet unweigerlich bei Wolfgang Müller. In seinem Laden erfüllt er Kindheitsträume.

Elvis Presley empfängt die Besucher mit einem Lächeln. Michael Jackson ist ebenfalls gekommen. Schwarzes Hemd, das Jacket so weiß wie die Zähne des King. Graceland? Neverland-Ranch? Nein. Der Raum, in dem die beiden abhängen, erinnert eher an die heruntergekommene Garage von Kurt Cobain. Der grüßt übrigens von der Eingangstür. Gestatten: Wolfgang Müllers Second-Hand-Plattenladen. Der Ort, an dem Kindheitsträume in Erfüllung gehen – zumindest, wenn sie aus Vinyl bestanden.

Wer an der Ludwigstraße 42 mit dem unscheinbaren Schild "Oldie" vorbeiläuft, ahnt nicht, was für ein musikalischer Schatz im Hinterhof schlummert. Es sind Überbleibsel einer anderen Zeit. So wie Müller selbst. Mit seinem Backenbart und dem John-Lennon-Shirt könnte der Gießener einem Plattencover entsprungen sein. Und davon gibt es in seinem Laden einige. "40 000 Alben habe ich hier, in meinem Lager sind es noch mal 15 000", sagt der 66-Jährige. Überall stehen Pappkartons herum, teilweise bis zur Decke gestapelt. Für den Außenstehenden das pure Chaos. Doch wer Müller nach einem bestimmten Album fragt, hat das Stück in wenigen Sekunden in den Händen. "Die sind alle sortiert. Alphabetisch und nach Genre."

Als das "Oldie" öffnete, standen noch Bands wie Alphaville und Wham! an der Chartspitze. Müller kam als Anglistik-Student nach Gießen. Während des Studiums reiste er oft nach London. "Dort habe ich Second-Hand-Plattenläden kennengelernt. Ich war begeistert, so etwas gab es in Deutschland nicht." Als er nach dem Studium keinen Job fand, war die Entscheidung schnell gefallen. 1984 eröffnete der Musikliebhaber seinen Second-Hand-Plattenladen. Das Geschäft lief bestens. Heute ist das anders.

Es gibt Tage, da steht Müller stundenlang alleine im Laden. Er könnte seine Platten auch bei ebay anbieten, er würde vermutlich ein Vielfaches verdienen. Doch darum geht es ihm nicht. "Ich verkaufe ein Album lieber für 100 Euro im Laden als für 150 im Internet." Pflege der Stammkunden nennt er das. Vermutlich will er seine Schätze aber einfach nicht in unbekannte Hände geben. Doch Müller kann sich über Wasser halten. Manchmal hilft auch der Zahn der Zeit: Als David Bowie und Lemmy Kilmister starben, rissen ihm die Kunden die Alben förmlich aus den Händen. Der Tod von Legenden lässt die Kasse klingeln – auch wenn ein Musikliebhaber wie Müller so etwas nie sagen würde.

Was bei anderen Pop oder Heavy-Metal ist, war bei Müller schon immer Beat. Seine Augen leuchten beim Gedanken an sein erste Konzert: "The Earls, ein heimische Beat-Band. Ich war gerade mal 13." Damals fehlte ihm das Geld für Platten, also besorgte er sich ein Spultonbandgerät. "Ich habe den ganzen Tag vorm Radio gesessen und Songs aufgenommen." Danach ging er in den Plattenladen. Nicht um zu kaufen. "Ich wollte das, was ich zu Hause aufgenommen hatte, in der Hand spüren."

So ist es noch heute. Für ihn ist es das Haptische, das den Reiz ausmacht. "Moment", sagt Müller und steuert eine Ecke des Ladens an. Einen Augenblick später steht er wieder am Tresen. In den Händen hält er "Paranoid" von Black Sabbath, erschienen 1970. Beinahe erfurchtsvoll klappt er das Album auf. Ein kunstvolles Artwork kommt zum Vorschein. "Ende der 60er Jahre folgte Psychedelic auf Beat, darauf Underground. Ernsthaftere, intellektuellere Musik wie zum Beispiel von Pink Floyd. Dann kam Heavy-Metal. Das krasse Gegenstück zur Hitparade." In dieser Zeit hätten die Künstler angefangen, die Cover aufwendig zu gestalten. "Dadurch wurden die Platten zu einem Gesamtkunstwerk.

" Und der Sound? Puristen lieben nicht nur das Knistern der Nadel, sie beteuern auch, die Klangqualität sei auf Vinyl besser. Müller ist da weniger dogmatisch: "Es gibt sowohl CDs als auch Schallplatten, die super klingen – und welche, die sich scheußlich anhören." Er hat auch gleich eine passende Erklärung parat. "Die Plattenbosse haben die jungen Bands früher nicht in ihre teuren Tonstudios gelassen. Sie mussten sich mit der schlechten Qualität in den billigen Studios begnügen. Das hört man."

Während Müller über die Ursprünge der Stereografie fachsimpelt, kramt er sich durch die Kartons – und bringt echte Klassiker zum Vorschein. Viele seiner Lieblingsband The Beatles, aber auch "Keine Macht für Niemand" von Ton, Steine, Scherben, das wegen der Darstellung eines nackten Mädchens umstrittene "Virgin Killer" von den Scorpions oder "Sticky Fingers" von den Stones, dessen Reißverschluss-Cover niemand geringeres als Andy Warhol gestaltet hat. Ein Kandidat für die teuerste Platte im Laden? Müller muss schmunzeln. "Nein.

" Vielleicht das erste Beatles-Album? Ein Live-Mitschnitt von Elvis? Der 66-Jährige schüttelt den Kopf, geht auf die Knie und wühlt sich durch einen Karton. "Ah, hier." Müller hält zwei Alben in den Händen. Catapilla mit ihrem gleichnamigen Album und "Tago Mago" von Can. Krautrock. "Das geht am besten. Die Nachfrage ist sehr groß." Die Preisschilder beweisen es. Das eine Album kostet 140, das andere 200 Euro.

Nur eine Platte ist noch wertvoller – zumindest für den Musikliebhaber Müller. Aus einem Karton zieht der 66-Jährige "All Summer long" von den Beach Boys. "Das war meine allererste Platte. Fantastisches Album", sagt er, betont aber gleich, dass es sich um eine Nachpressung handelt. Das Original, das Müller vor über 50 Jahren gekauft hat, hütet er zu Hause wie einen Schatz. Eine auf Vinyl gepresste Erinnerung an die Jugend. Einer Zeit, in der Künstler mehr waren als Bytes auf einer Festplatte. "Do you remember?" sangen die Beach Boys damals. Ja, Müller erinnert sich. Aber lieber zu Hause. Die Beach Boys werden nicht geteilt. Auch nicht mit Elvis, Michael oder Kurt.

Quelle: Gießener Allgemeine

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