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Tierheim Gießen: Ukraine-Tiere verstärken Finanznot

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Von: Christine Steines

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Die Helfer brauchen nun selbst Hilfe: Das Tierheim Gießen hat seit Beginn des Krieges 26 Hunde und Katzen aus der Ukraine aufgenommen. Das sorgt für finanzielle Schwierigkeiten.

Misha tobt vergnügt auf der Wiese umher. Der drei Jahre alte Terrier-Mischling freut sich, dass er ausnahmsweise »seine« Menschen um sich hat, denn seit Wochen ist er meistens von ihnen getrennt. Die Familie Tarasenko ist aus dem ukrainischen Charkiw vor dem Krieg geflohen und lebt derzeit in einem Hotel in Laubach. Dort kann sie zwar unbegrenzt bleiben, den Hund darf sie dort aber nicht halten. Die Familie sucht fieberhaft nach einer Wohnung, bisher jedoch ohne Erfolg.

Mishas Fall ist ein Beispiel für das Dilemma, in dem sowohl die Familie als auch der Tierschutzverein stecken: Tarasenkos möchten ihren Hund lieber heute als morgen zu sich holen. Für die Tierschützer wiederum ist es keine Frage, dass sie die in Not geratene Familie unterstützen, indem sie sich um den Hund kümmern. Das Problem sind jedoch die hohen Kosten, die durch Hunde und Katzen aus der Ukraine entstanden sind.

Man habe, so Astrid Paparone, erste Vorsitzende des Vereins, ohne zu zögern geholfen, doch die finanziellen Möglichkeiten des Vereins seien längst erschöpft. »Unsere Situation ist fatal, denn durch die steigenden Energiepreise, steigende Tierarztkosten sowie mehr Personalausgaben durch Mindestlöhne sind wir am Limit«, sagt sie.

Gießen: Bund unterstützt Heime mit ukrainischen Tieren mit Zuschussprgramm

Auch die Pandemie sei nicht ohne Folgen geblieben, denn die Zahl der Tiere, die versorgt werden müssten, sei enorm gestiegen. Viele Menschen hätten Kleintiere angeschafft, an denen sie nach der Rückkehr zum Alltag das Interesse verloren. Paparone: »Wir haben 100 Tiere mehr als vor einem Jahr, insbesondere Kaninchen werden häufig abgegeben.«

Seit Anfang der Woche läuft ein Zuschussprogamm des Bundes, das die Tierheime, die ukrainische Vierbeiner aufgenommen haben, mit insgesamt fünf Millionen Euro unterstützt. Der Tierschutzverein Gießen wird in diesen Tagen einen Antrag auf Zuschüsse stellen, ob dieser jedoch erfolgreich sein wird, wisse man nicht. Das Tierheim hat 16 Hunde und Katzen vorübergehend aufgenommen, die nicht bei den geflüchteten Ukrainern bleiben und auch in der Erstaufnahmeeinrichtung nicht versorgt werden konnten.

Für diese galten nach einem Erlass des Landes erleichterte Einreise- und Quarantänebedingungen, sie konnten nach den notwendigen Impfungen nach einer dreiwöchigen Quarantäne das Tierheim wieder verlassen. Die Kosten für diese Tiere liegen bislang bei rund 7600 Euro, es stehen jedoch noch Rechnungen aus. Eine andere Situation liegt vor, wenn die Tiere über Tierschutzorganisationen ins Land gekommen sind. Für sie gilt eine dreimonatige Quarantäne mit entsprechend hohen Kosten.

Tierheim Gießen: Versorgung der extrem verstörten und ängstlichen Tiere ist höchst aufwendig

Das Tierheim Gießen hat zehn Katzen über die Tierschutzgruppe »White Paws« aufgenommen, die Katzen stammen jedoch alle von geflüchteten Besitzern und sind keine Straßenkatzen, sie sind quasi ein komplizierter Sonderfall. Für sie galten keine erleichterten Quarantänebedingungen, daher blieben sie drei Monate lang isoliert. Die Versorgung der extrem verstörten und ängstlichen Tiere war höchst aufwendig und verursachte Kosten in Höhe von rund 3000 Euro.

Erst jetzt kann langsam damit begonnen werden, die Katzen zu vermitteln. Die Belegung durch solche Dauergäste bedeutet für den Tierschutzverein, dass viele Plätze blockiert werden und personelle Ressourcen gebunden sind. »Wir können weniger Tiere aufnehmen und die Belastung des Personals ist größer«, sagt Paparone.

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Die ukrainische Familie Tarasenko sucht dringend eine Wohnung. Dann kann sie endlich ihren Hund Misha wieder zu sich holen. FOTO:JPN © Julian Spannagel

Gießen Tierschützer hoffen, dass Geflüchtete ihre Tiere bald wieder aufnehmen können

Für die Gießener Tierschützer war es trotz der schwierigen Situation selbstverständlich, sich um Misha und all die anderen Vierbeiner zu kümmern. Sie hoffen nun, dass es bald zu einer »Familienzusammenführung« kommt und die Tarasenkos eine Wohnung finden. Die Familie, bestehend aus Sergeii Tarasenko, seiner Frau Anzhela sowie den Kindern Denys (19), Anastasia (6) und Dmytro (1), unternimmt alles, um eine Bleibe zu bekommen, in der Tierhaltung gestattet ist und von der aus Schule und Kita gut zu erreichen sind. Der Familienvater Sergeii ist Schweißer, seine Frau Anzhela ist Köchin, sie war zuletzt als Näherin beschäftigt. Sobald es die Sprachkenntnisse zulassen, werden sie sich Jobs suchen. (Christine Steines)

Auch die ukrainische Familie Tarasenko hat ihren Terrier-Mix nach der Flucht vor Putins Bomben vorübergehend im Tierheim Gießen untergebracht. Das soll nicht so bleiben, denn die Sehnsucht ist groß.

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