U-Bahn-Kontrollöre geben Vollgas in der Kongresshalle

Als wären sie niemals weg gewesen: Fünf Jahre nach ihrem selbstgewählten Abschied von der Bühne feiern die U-Bahn-Kontrollöre in tiefgefrorenen Frauenkleidern sich und ihre unbändige Lust am Singen.

Das 1991 gegründete Quintett hat mit seinem Hardcore-a-cappella-Gesang wahrhaftig eine Duftmarke gesetzt. Und die zieht heute immer noch. Wenn die Frankfurter Jungs rufen, sind ihre Fans zur Stelle – so auch am Samstag in der Kongresshalle, wo ihnen rund 750 "Fahrgäste" im Laufe des Abends mehrfach frenetischen Beifall spendeten.

"Wir lassen uns das Singen nicht verbieten" ist die Mini-Tournee überschrieben, die insgesamt acht Auftritte umfasst. Die Gießener dürfen sich glücklich schätzen, zu jenen Auserwählten zu gehören, denen die Kontrollöre ihr "Best of"-Programm mit den bekannt cleveren, teils ziemlich anzüglichen Texten und wahrhaft knackigen Arrangements kredenzten. Die fünf hochmusikalisch Verrückten – Matthias Keller (wie immer im Schottenrock), Filippo Tiberia, Sebastian Rajkovic, Oliver Hartstack und Harry Bannoehr – blieben kaum einen ihrer großen Bühnenerfolge schuldig, darunter neben eigenen Liedern auch jede Menge frei interpretierter und übersetzter Coversongs.

Allen voran "Biene Maja", für die sich Opernsänger-Schwergewicht Oliver freilich erst als Spezialzugabe in die berühmt-berüchtigte schwarz-gelb-geringelte Schale geworfen hatte – auch wer diesen Paradeauftritt schon etliche Male gesehen hat, wollte sich schier vor Lachen wegwerfen! Unerreicht auch die A-cappella-Version des Mega-Hits "Shout" (Tears for Fears, 1984), den die Fünf nach wie vor mit Hingabe zelebrieren.

A-cappella – das ist bei den Kontrollören ein Gefäß, in das alles Mögliche und Unmögliche reinpasst. Das phänomenale 80er-Jahre-Medley etwa, das in einem sechsminütigen Parforceritt vom "Final Countdown" über "Gold" und "Radio Gaga" bis zu "Ghost Busters" stolze 33 Songs abhandelt. Ihren Dornröschenschlaf hat die "hibbelische" Combo bestens überstanden – die Nummern sitzen, die Chemie stimmt wie eh und je und obendrein gibt es eine klasse Choreografie, laszive Hüftschwünge inklusive. Die Freude an Verkleidung und Accessoires treibt kuriose Blüten – die singenden Kosaken mit den tanzenden russischen Mädels sind da nur eine von vielen Zutaten eines wahnwitzigen Entertainment-Cocktails.

Die Improvisationen während und zwischen den einzelnen Songs treiben den Jungs auf der Bühne hin und wieder selbst die Lachtränen ins Gesicht – alles so wie früher, als wären sie wieder auf Klassenfahrt. Nur dass die Herren Sänger heute alle "einem anständigen Beruf nachgehen" (O-Ton Keller dieser Tage im Hessen-Fernsehen) und nur noch dann auf die Bühne treten, wenn der "Bock-Faktor" groß genug ist, wie sie selbst nicht müde werden zu betonen – Konzerte nach dem Lustprinzip. Deswegen gibt es auf der aktuellen Tour ausschließlich Songs, die den Kontrollören selbst das größte Vergnügen bereiten und die in Summe ganz nebenbei jedes Alter und jeden Musikgeschmack bedienen. "Pubertät" ist so ein Stück, das frech mit der Sorge einer Generation spielt und sich (wieder mal!) als Ohrwurm festsetzt. Dass sie auch noch anders können, nämlich ansatzweise still und leise, beweisen ihre Versionen des Bergsteigerlieds "La Montanara" oder von Rio Reisers "Junimond".

"Wir singen gut und benehmen uns schlecht" könnte die augenzwinkernde Parole für die anarchistische Performance lauten. Aber wenn vermeintlich schlechtes Benehmen in eine so geniale Show mündet, sieht man es den Protagonisten gerne nach. Ein optisches wie akustisches Fest war es, für das die Gießener den fünf Freunden gerne, lautstark und lange applaudierten. Und in ihrer Forderung nach Zugaben (die gerne gewährt wurden) einen gar unglaublichen Kanon anstimmten.

Wär’ schön, wenn’s das nächste Wiedersehen und -hören nicht erst wieder in fünf Jahren gibt. Gabi Krämer

Quelle: Gießener Allgemeine

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