100 Menschen ziehen mit Plakaten mit dem Konterfei des Influencers durch die Gießener Innenstadt.
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100 Menschen ziehen mit Plakaten mit dem Konterfei des Influencers durch die Gießener Innenstadt.

In der Innenstadt

Influencer erschossen: Trauermarsch für 23-Jährigen in Gießen

  • VonChristian Schneebeck
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Gut 100 Menschen sind am Samstag durch die Gießener Innenstadt gezogen, um dem im August in Amsterdam erschossenen Influencer Sammy Baker zu gedenken.

Kai B. spricht frei. Und er redet sich den Kummer von der Seele. »Wir werden diese Leute zur Rechenschaft ziehen«, kündigt der 53-Jährige an. »Die haben sich mit den Falschen angelegt!« Es sind die kämpferischsten Töne, die während des Trauermarschs und der anschließenden Kundgebung am Samstagnachmittag in der Gießener Innenstadt zu hören sind. Gut 100 Menschen erinnern hier an den Wetzlarer Sammy Baker, der am 13. August in Amsterdam von Polizisten erschossen wurde. Auf Plakaten und T-Shirts fordern sie »Justice for Sammy« (Gerechtigkeit für Sammy) - und brandmarken die »Polizeigewalt«.

Vor zwei Wochen hatten in Bakers Heimatstadt etwa 220 Menschen an einem ähnlichen Trauermarsch teilgenommen. In Gießen erregt schon die halb so große Gruppe bei den Passanten reichlich Aufmerksamkeit. Durch den Seltersweg läuft sie schweigend Richtung Berliner Platz, angeführt von Kai B. und Justine S., Sammys Mutter. Am Zielpunkt angekommen, ergreift zunächst der Vater das Wort. Sein Sohn sei ein ganz und gar friedlicher Mensch gewesen, erklärt er. Das belegten die Posts des Fitness-Influencers in digitalen Netzwerken, wo der 23-Jährige zuletzt etliche zehntausend Follower hatte. »Man sieht, dass er den Menschen immer nur helfen wollte«, sagt B.

In Gießen: Parallele zu Black Lives Matters

Ein Video, das im Internet kursiert, dokumentiert die Augenblicke vor den tödlichen Schüssen in Amsterdam, wo Sammy Baker seinen Geburtstag feiern wollte. Polizisten treffen in einem Hinterhof auf den offenbar verwirrten und mit einem Messer ausgestatteten Wetzlarer. Als sie ihn nach minutenlangem Wortwechsel festnehmen wollen, eskaliert die Situation. Drei Schüsse fallen. Sammy Baker ist tot. Die niederländische Polizei sagt, er habe gedroht, sich selbst und die Beamten mit dem Messer zu verletzen. Die zuständige Staatsanwaltschaft untersucht jetzt den Vorfall und soll klären, ob die Polizisten tatsächlich in Notwehr gehandelt haben.

Dessen ungeachtet hätten sie mittlerweile »einen richtig guten Anwalt in Amsterdam« engagiert, erzählen die Eltern. Justine S. betont, sie wolle »weiter kämpfen, damit so etwas nie wieder passiert und damit die Amsterdamer Polizei besser ausgebildet wird«. Und Lin Meinhardt, ein Freund der Familie, berichtet, er habe auf den Videobildern »jemanden gesehen, der Hilfe gesucht hat und stattdessen auf Aggression getroffen ist«. Es sei »nicht alles probiert worden, um ein Menschenleben zu retten« und »einfach die falsche Entscheidung getroffen worden«.

Sowohl Kai B. als auch Meinhardt betonen mehrfach, dass sie Verständnis für die Belastungen der Polizisten hätten. In diesem Fall sei aber keinerlei »Augenmaß« erkennbar gewesen. Letztlich liege deshalb ein kolossales Versagen der niederländischen Polizei vor. Meinhardt zieht die Parallele zur »Black Lives Matter«-Bewegung in den USA und schließt mit den Worten: »Der Staat hat kein Recht zu töten.« Nach einer Schweigeminute ist die Kundgebung beendet.

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