1. Wetterauer Zeitung
  2. Stadt Gießen

Tattoo-Branche reagiert auf Verbot: Bunt ist wieder möglich

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sophie Röder

Kommentare

Auch in Gießen können die Tätowierer wieder mit bunten Farben arbeiten. Die Übergangszeit haben viele genutzt, um an der Technik zu feilen und sich mit den neuen Farben vertraut zu machen. (Symbolbild)
Auch in Gießen können die Tätowierer wieder mit bunten Farben arbeiten. Die Übergangszeit haben viele genutzt, um an der Technik zu feilen und sich mit den neuen Farben vertraut zu machen. (Symbolbild) © dpa

Zu Beginn des Jahres gab es in der Tattoo-Branche eine große Veränderung: Fast alle Farben wurden verboten. Nun haben die Hersteller neue Farben auf den Markt gebracht.

Keine bunten Tattoos mehr. Diese Sorge teilten viele Tätowierer und ihre Kunden. Denn am 4. Januar sind Änderungen in der sogenannten REACH-Verordnung der EU in Kraft getreten. Mit diesen wolle die Europäische Kommission Tätowierungen sicherer machen. Daher wurden Grenzwerte einzelner Inhaltsstoffe festgelegt.

Die Folge: Fast alle bisher erhältlichen Tattoofarben wurden verboten. Der Grund: Die enthaltenen Konservierungs- und Bindemittel stehen im Verdacht, krebserregend oder anderweitig gesundheitsschädlich zu sein. Nur die Pigmente »Green 15:3« und »Blue 7« haben eine Schonfrist bis Januar 2023. Damit das kein Aus für vielfarbige Tattoos bedeutet, haben Hersteller begonnen, REACH-konforme Farben zu produzieren. Diese sind nun im Einsatz.

Wegen Verbot von Tattoo-Farben: Tätowierer feilen an schwarz-weiß Technik

»Seit Anfang März haben wir die neuen Farben«, sagt Holger Engel, Inhaber des Studios Clownfish Tattoos in Gießen. Von Januar bis März habe er nur schwarze Motive tätowiert. »Klingt vielleicht komisch, aber es war prima. Da keiner mehr bunte Farben hatte, war es fair. Ich konnte die Zeit nutzen, um meine schwarz-weiß Technik zu verbessern. So habe ich aus der Not eine Tugend gemacht.« Parallel dazu habe er auch neue Maschinen angeschafft.

Obwohl Engel inzwischen wieder bunte Farben habe, tätowiere er seit der Umstellung überwiegend schwarz. »Auch mit Schwarz kann man viel machen.« Sein erster Eindruck von den REACH-konformen Farben sei gut, und er tätowiere weiterhin gerne bunte Motive. Richtig beurteilen könne er die Tinte noch nicht: »Man hat Farben vom Markt genommen, bei denen man viel Erfahrung hatte. Bei den neuen wird sich das erst zeigen. Ein Tattoo ist für mich ein Gebrauchsgegenstand, das heißt, wie gut und lange die Farbe in der Haut hält, sieht man erst mit der Zeit.« Zudem hänge es davon ab, an welcher Stelle das Tattoo sei und wie stark die Haut durch Sonneneinstrahlung beansprucht werde. Bei Engels Kunden herrsche jedoch keine Verunsicherung. Da heiße es: »Du hast neue Farben? Weiter geht’s.«

Auswirkungen der Pandemie größer als Verbot von Tattoo-Farbe

Der angekündigten Änderung für die Pigmente Blau und Grün blicke Engel entspannt entgegen: »Noch haben wir Grün und Blau. Und was in einem Jahr ist, wird man sehen. Womöglich arbeitet schon jemand daran, dafür neue Farben zu produzieren.«

Die Umstellung der Farbpalette sei für Clownfish Tattoos weniger schlimm als die Auswirkungen der Pandemie. »Coronabedingt hatten wir viereinhalb Monate geschlossen, danach gab es viel Verunsicherung wegen der wechselnden Regeln. Im Januar und Februar konnte ich mit Schwarz weiter arbeiten und das kam gut an.«

Tätowiererin Sue Gorgiev vom FTW Tattoo Studio Gießen sieht das anders: »Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Die Branche hatte es durch Corona schwer und dann kommt ein Verbot, wodurch fast alle Farben in den Müll wandern. In keinem anderen Arbeitsfeld würde man es so abrupt machen, solange es keine Alternativen gibt. Zumal nicht nachgewiesen wurde, dass die Farben wirklich schädlich sind.« Daran merke man, dass die Tattoo-Szene keine Lobby habe. »Es ist auch nicht nachhaltig. Man hätte erlauben können, die alten Farben zu Übungszwecken weiter zu nutzen«, sodass Azubis an Kunsthaut hätten üben dürfen.

Verbot von Tattoo-Farben sorgt für Unsicherheiten

Üben müsse man auch mit den neuen Farben. »Diese sind deutlich dünnflüssiger und man merkt erst beim Arbeiten, wie gut sie in die Haut übergehen.« Auch die Töne würden leicht variieren. Zu Beginn habe Gorgiev mit den REACH-konformen Schwarztönen geübt, um herauszufinden, was ihr Ton sei und welche Farbe zu ihrem Tätowierstil passe. Da sie überwiegend bunte Motive tätowiere, habe sie die Termine aufgeteilt. »In der ersten Sitzung habe ich die schwarzen Outlines gezeichnet und den zweiten Termin später vergeben, als die Farben da waren.«

Auch das sei nicht einfach gewesen, da ungewiss war, ab wann es Alternativen gebe. Mitte Februar habe sie die ersten bunten Farben bestellen können. Bei ihren Kunden habe die Umstellung Sorgen verursacht. Bei angefangenen Projekten habe die Frage im Raum gestanden, ob man diese fertig bekomme. »Wir haben darauf vertraut, dass sich die Hersteller eine Lösung einfallen lassen.« Viele Firmen, die zuvor die Farben produziert hätten, stellten nun die neuen her.

Verbot von Tattoo-Farben: Einige Tätowierer stellen schon früher um

Mit der neuen Tinte ist Tätowierer und Inhaber von Tattoo Your Soul 707, Thorsten Neuhaus, zufrieden: »Ich bin von der Marke, die ich verwende, zu 100 Prozent begeistert. Die Tinte ist anders, aber wenn man es erst mal raushat, ist es ein großartiges Produkt.« Da er hauptsächlich mit Schwarz- und Grautönen arbeite und diese schon früher erhältlich gewesen seien, habe er 2021 mit der Umstellung begonnen.

»Ab August war es absehbar, dass das Verbot kommt. Wenn auch nicht wann genau. Daher habe ich mich umgeschaut, und nach und nach REACH-konforme Farben gekauft.« Die Umstellung fasst er mit einem Wort zusammen: »kostspielig«. Inzwischen habe Neuhaus wieder bunte Farben vorrätig. Auch mit diesen habe er bisher gute Erfahrungen gemacht. »Ich habe keine Bedenken, dass die Farben kürzer halten. Sie lassen sich gut in die Haut einarbeiten, die Hersteller wissen, was sie tun.« (Sophie Mahr)

Auch interessant

Kommentare