Stürmische Suche

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Christian Fries ist am Stadttheater vielfältig kreativ. Aktuell spielt er den Benny in "Willkommen". Im Februar inszeniert er Kafkas "Die Verwandlung". Er ist außerdem Pianist und Autor. Sein neuestes Projekt ist Georg Büchners "Lenz". Das Novellenfragment bringt Fries als Ein-Personen-Stück auf die Studiobühne – komplett ungekürzt.

Christian Fries hat eine Leidenschaft, die sicher nicht viele teilen. "Ich lerne gerne auswendig", erzählt er. Und so hat er vor einigen Monaten wieder einmal das gelbe Reclamheftchen mit Georg Büchners "Lenz" aus dem Bücherregal gezogen, um diesen Text zu lernen. Doch weil die Geschichte des exzentrischen Sturm-und-Drang-Dichters in einer psychischen Ausnahmesituation zusätzlich für Fries persönlich eine Bedeutung hat, entwickelte er die Idee, auch dieses Stück Prosa auf die Bühne zu bringen – so wie er es erst vor wenigen Spielzeiten mit Thomas Bernhards "Der Untergeher" getan hatte. Eine echte Herausforderung: "Zwei Stunden Text so spielen, als entstünde er im Moment. So die selbstgestellte Aufgabe", schreibt er dazu auf seiner Homepage (www.christianfries.info).

Auf der taT-Studiobühne probt der Schauspieler aktuell für seine Version des "Lenz", die am Sonntag, 9. Dezember, 20 Uhr, Premiere hat. Die Novelle, die 1837 nach Büchners Tod als Fragment veröffentlicht wurde, setzt Fries ohne Veränderungen am Text um, ohne auch nur einen gestrichenen Satz und ohne die Erzählperspektive in Ich-Form zu wandeln. Und dennoch wird der Text zum knapp einstündigen Stück. "Es ist schon szenisch, keine reine Rezitation" macht er neugierig. Auch Geräusche und Klänge steuert er selbst bei.

Fries kommt es darauf an, die psychische Ausnahmesituation, in der sich der Dichter Lenz, von dem die Stücke "Die Soldaten" oder "Der Hofmeister" stammen und von dem Georg Büchner erzählt, plausibel zu machen. Sein religiöser Wahn, das Leiden unter dem autoritären Pastorenvater, der Streit mit anderen Künstlern und immer wieder sein kommunikatives Scheitern – Fries will das nachvollziehbar machen. Doch wo ist die Grenze zum Pathologischen? Welches Risiko besteht, wenn sich ein empfindsamer Mensch und Künstler auf die stürmische Suche nach sich selbst begibt? Und wie kann man die psychischen Ausnahmezustände, in denen sich Lenz befindet, für das Publikum begreifbar machen? Diese Fragen treiben Fries – unter anderem aus ganz persönlicher Erfahrung – an. Auch wenn heutzutage Menschen von einem Burnout offen berichteten, bleibe oftmals ein "komisches Etikett" haften, meint er. In "Lenz" gehe es im Grunde "nicht um so viel mehr."

Im kleineren Zirkel hat Fries seine Lesart des "Lenz" bereits aufgeführt. Das Textfragment mit seinen sprachlichen Unklarheiten, Wortwiederholungen und "Schmutzspuren" sei seinen Zuhörern bereits bekannt gewesen, durch ihn hätten sie es aber neu erfahren, so die Reaktion. Das Publikum darf also gespannt sein, was bei den Vorführungen am 9. und 21. Dezember und 13. Januar im Theaterstudio passiert.

Fries, der 1959 in Duisburg geboren wurde und nach seinem Klavierstudium in Düsseldorf auch Schauspiel in Berlin studiert hatte, war von 2005 bis 2011 festes Mitglied im Schauspielensemble des Stadttheaters. Seitdem wird er immer wieder als Gastschauspieler oder Gastregisseur eingesetzt. 2010 war er mit seinem Erzählband "Vater gibt seinen Weinhandel auf" zum Bachmann-Wettbewerb eingeladen – "Klagenfurt ist ein Mutmacher gewesen", sagt er heute dazu.

Das Schreiben ist die Konstante in seinem Leben. Autor zu sein, sei sein frühester Wunsch gewesen, erst dann seien die Musik und die Schauspielerei dazugekommen. Doch der Beruf des Schauspielers sei eben am ehesten sichtbar – und dabei kann der Autor Fries durchaus auch von den Erfahrungen des Schauspielers inspiriert werden. So hat er beispielsweise einen Texthänger bei einer Vorführung von "Gott des Gemetzels" zum Anstoß für sein Buch "Kleiner Roman über die Angst" genommen.

Fries beschäftigt die Frage, wann er einen Text wirklich auswendig kann. Wie lerne ich? Wie wichtig sind Automatismus und bewusstes Wissen? Wann habe ich das Gefühl, dass ich einen Text tatsächlich auswendig kann? "Wenn ich nicht jederzeit an jeder Stelle einsetzen kann", hat Fries für sich als Maxime festgelegt. Einen gelernten Text betrachte er "als Kapital, das ich in mir trage". Und zu diesem Schatz zählt nun auch das Büchner-Fragment "Lenz".

Quelle: Gießener Allgemeine

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