Lewitscharoff

Streifzug durch Bibel und Koran

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Sibylle Lewitscharoff las auf Einladung des Literarischen Zentrums aus ihrem Buch "Abraham trifft Ibrahim". Doch leider ohne ihren Co-Autor Najem Wali.

Es hat sich noch kein Moslem in unsere Veranstaltungen verirrt. Leider", meint Sibylle Lewitscharoff. Auch ihr für die Lesung angekündigter Mitautor Najem Wali, bekennender Atheist aus muslimischem Elternhaus, hat aus Termingründen absagen müssen. Seinen Lesepart übernimmt Schauspieler Harald Pfeiffer. Im Zuschauerraum der Uni-Aula sitzen zudem überwiegend christlich Geprägte der Generation Ü-60. Somit bleibt die islamische Sicht der Dinge an diesem, vom Studierendenpfarrer Andreas Engelschalk moderierten Abend, ein wenig unterrepräsentiert. Und dabei ist das, was sich Lewitscharoff und Wali mit ihrem Buch "Abraham trifft Ibrahim" vorgenommen haben, nämlich die Vermittlung von Wissen über die beiden heiligen Schriften, die Grundlage für wechselseitiges Verständnis zwischen den Religionen.

Neun Figuren untersucht

Wali und Lewitscharoff haben neun gemeinsame Figuren aus der Bibel und dem später entstandenen Koran ausgesucht und analysiert: von Abraham bis Eva, von Moses bis zum Teufel. Und ausgerechnet den Teufel und sein islamisches Pendant Shaytan (auch Iblis genannt) hat Lewitscharoff für ihre Lesung in Gießen ausgewählt. Gewohnt sprachmächtig beschreibt sie dessen Auftreten in der Bibel und seine Darstellung in der Literatur – von Dantes "Inferno" bis zu Thomas Manns "Mephisto". Es sei ein weiter Weg von der Schlange des Alten Testaments zum "gleißenden Engel mit Verführungsmacht" bei Dante und dem "hochmodernen Lässigkeitsflegel" eines Mephisto, formuliert sie. Ganz anders tritt Shaytan in 34 Suren des Koran auf. Hier ist er ein gefallener Engel, der Gott quasi auf Augenhöhe zum Wettstreit um die Menschheit herausfordert.

Während sich Lewitscharoff bei der Analyse des Teufels munter Ausflüge in die Literatur erlaubt, bleibt Wali streng am eher poetisch-märchenhaften Korantext. Die Lesung an sich ist somit eher eine formale, wenn auch beeindruckende Gegenüberstellung der beiden Figuren. Der Dialog der beiden Autoren, in dem sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede in den Deutungstraditionen der sich ähnelnden Geschichten aufgezeigt werden, erschließt sich wohl eher bei der Lektüre des Buches.

In der anschließenden Diskussion blitzt der scharfe Verstand der Schriftstellerin und studierten Religionswissenschaftlerin Sibylle Lewitscharoff, die seit ihrer "Halbwesen"-Definition von durch künstliche Befruchtung entstandenen Menschen durchaus umstritten ist, endgültig auf. Ihre Darstellung, sich quasi als Laie an Bibel und Koran gewagt zu haben, darf man wohl getrost als Untertreibung werten. Auf die "Pirsch" hätten sie und Wali sich in Bibel und Koran gemacht und "wir waren beide überrascht über die Gemeinsamkeiten", gesteht sie. Allerdings verharmlose der Koran die Figuren deutlich. Wissen über die religiösen Texte hätten sie vermitteln und zugleich die Debatte darüber bewusst offenhalten wollen.

Keine Predigt im "Mohairpullover"

Dass die aktuelle Debatte in Bezug auf den Islam aber oftmals von der "Blutspur" (Lewitscharoff) geprägt ist, die islamistische Terroristen hinterlassen, zeigt sich in der anschließenden Diskussion mit dem Publikum. Ein Zuhörer sieht sich in seiner Sicht bestätigt, dass der Koran das rigorose Vorgehen gegen "Ungläubige" fordere, doch Lewitscharoff kontert geschickt mit dem Verweis auf "brutale Zeiten", die auch im Namen des Christentums, etwa bei Kreuzzügen oder Missionierungsversuchen, zu registrieren seien. Die "Entmilitarisierung" des Christentums sei noch gar nicht lange her. Sie verwahre sich ohnehin generell gegen die "politische Indienstnahme dieser Texte".

Ihre persönliche Verwurzelung im christlichen Glauben verleugnet die 64-Jährige dabei nicht. Dank ihrer pietistisch geprägten Großmutter habe sie den Glauben als etwas Positives kennengelernt. Dass die Bibel erstmals "dem armen Menschen Würde gegeben habe" und "aus der Unendlichkeit heraus eine Stimme hörbar mache", habe sie sehr beeindruckt. Insofern wünsche sie sich auch stärkere Predigten in den Kirchen, als die heute übliche weichgespülte Variante "im Mohairpullover".

Quelle: Gießener Allgemeine

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