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Stierköpfige Wesen voller Kraft und Magie

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Wer in diesen Tagen das Oberhessische Museum besucht, den empfangen Wesen von unglaublicher Kraft und faszinierender Ausstrahlung. Denn der Minotaurus, jenes grausame Wesen aus der griechischen Mythologie, halb Mensch, halb Stier, das im Labyrinth von Knossos geopferte Jungen und Mädchen frisst, ist in die Gegenwart zurückgekehrt. Die Berliner Bildhauerin Bärbel Dieckmann hat die beeindruckenden Skulpturen aus Bronze, Stuck oder Ton geschaffen, die noch bis 30. Januar im Neuen Schloss zu sehen sind.

Am Donnerstag wurde die Ausstellung eröffnet - mit einem in großer Zahl erschienenen Publikum und einem Museumsdirektor Dr. Friedhelm Häring, der in einem amüsanten Parforceritt durch die griechische Mythologie das Basiswissen zum Verständnis der ausgestellten Werke lieferte. Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz sprach ein Grußwort und Schüler des neunten Schuljahres der Ricarda-Huch-Schule hatten ein Gastbild zur Ausstellung beigesteuert.

Dieckmann, die sich in Gießen bereits mit den Portraits zum Darwin-Pfad im Botanischen Garten und mit den »Gießener Köpfen« von Mildred Harnack und Hedwig Burgheim in der Plockstraße verewigt hat, gehört zu den herausragenden deutschen Bildhauerinnen. Ebenso archaisch wie die von ihr bevorzugten Materialien Stein und Bronze mutet auch ihre Hinwendung zu den antiken Mythen an. Diesen nachzuspüren, sie im Heute neu zu deuten und ihnen aktuelle Gestalt zu verleihen ist ihr Herzensangelegenheit. Ihr geht es nicht darum, die sagenumwobenen Figuren schlicht abzubilden, sondern sie in den Kontext der Menschen von heute zu stellen. Dabei ist immer wieder der Minotaurus für sie zentrales Thema.

Sie entwirft in ihren Skulpturen aber stets das an seinem Schicksal leidende Wesen hinter dem Monster - sei es mit der 2,20 Meter großen, die Ausstellung dominierenden Arbeit aus Stuck oder der kaum 15 Zentimer kleinen Terrakotte, die Minotaurus beim Verschlingen eines Jünglings zeigt. Animalisch, sexistisch und kriegerisch wirken diese Minotauren, aber auch gequält in ihrer Einsamkeit und schuldigen Schuldlosigkeit. Sind nicht auch wir Menschen gefangen in einem Labyrinth, dessen Zwänge vorweihnachtlicher Konsum, Arbeit, Stress und Unfrieden unter den Menschen bedeuten, fragte Dr. Häring in die Runde.

Dieckmann, die 1961 in Bielefeld geboren wurde und seit 1994 als freischaffende Künstlerin in Berlin lebt, wirkt zart und zerbrechlich, wenn sie neben ihren teils lebensgroßen Figuren aus Bronze steht, etwa dem gesichtslosen Bronze-Silen, der neben dem riesigen Stuck-Minotaurus positioniert ist und den Ausstellungsraum zu überwachen scheint. Doch wenn sie ihre Skulpturen erschafft, dann muss dies ein wahrhaft eruptiver Prozess sein.

Radikal expressiv, aber auch faszinierend realistisch sind ihre Skulpturen mit in Bann ziehender Körperlichkeit - sei es die hingebungsvoll auf dem Stier hingegossene Europa oder auch der düster-geheimnisvoll dreinschauende Kykloptaurus, ein Mischwesen aus Stier und Zyklop. Das Wechselspiel von Licht und Schatten, Glätte und Rauheit versetzt die Figuren in Spannung - und man hat das Gefühl, sie unbedingt nicht nur anschauen sondern auch anfassen zu müssen.

Quasi als Kontrapunkt wird die Ausstellung durch kleine Bleistift/Kohle-Zeichnungen, Collagen und Radierungen ergänzt, die hinter den dominanten Skulpturen fast in den Hintergrund gedrängt werden. Sie zeigen Frauen- und Männerakte. Aber auch zwei Blumenkohl-Bilder in Mischtechnik hängen dort und sorgen für wohltuendes Schmunzeln angesichts der martialisch-mythologischen Skulpturen in einer Ausstellung, deren Besuch nachdrücklich empfohlen wird. Einfach sehenswert. Karola Schepp

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