Stationen einer außergewöhnlichen Frau

Noch bis zum 18. Februar ist im Rathaus eine Ausstellung über Hedwig Burgheim zu sehen. Sie zeigt "Stationen einer außergewöhnlichen Frau".

"Auschwitz bekommt mit dieser Ausstellung ein Gesicht" - Die Oberbürgermeisterin brachte es mit ihrer Formulierung zur Eröffnung der Schau "Hedwig Burgheim - Stationen einer außergewöhnlichen Frau" im zweiten Stock des Rathauses auf den Punkt. Die etwas abseits des Hauptpublikumsverkehrs, unterhalb des Aufgangs zum Stadtverordnetensitzungssaal aufgestellten Schautafeln geben Einblick in Leben, Wirken und den gewaltsamen Tod Burgheims, die im Vernichtungslager Auschwitz ermordet wurde.

Die Eröffnung der Ausstellung, die noch bis zum 18. Februar zu den Öffnungszeiten des Rathauses besichtigt werden kann, wurde bewusst auf den 27. Januar gelegt, ist dieser Tag doch nicht nur seit 1996 offizieller deutscher Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, sondern auch seit 2005 internationaler Holocaust-Gedenktag. Am 27. Januar 1945 wurden die Menschen im Vernichtungslager Auschwitz befreit. Das Datum ist daher heute ein Tag des Gedenkens und Innehaltens sowie der Erinnerung an das "Kainsmal der deutschen Geschichte", wie die Oberbürgermeisterin formulierte.

Seit 1981 verleiht die Stadt alle zwei Jahre die Hedwig-Burgheim-Medaille "in Anerkennung und Würdigung hervorragender Verdienste um Verständigung und Verständnis zwischen den Menschen und im verpflichtenden Gedenken an die bis heute fortwirkende segensreiche Tätigkeit der Pädagogin Hedwig Burgheim. Zwei der Preisträger - Prof. em. Helmut Berding und Dr. Dieter Steil - waren zur Ausstellungseröffnung erschienen.

Die Ausstellung, die das Stadtarchiv mit seinem Leiter Dr. Ludwig Brake im Rathaus zeigt, basiert auf den Forschungen von Andrea Dilsner-Herfurth und Dr. Eberhard Ulm und wurde von Sandra Mahler auf einer Handvoll Schautafeln grafisch ansprechend aufbereitet. Rolf Kralovitz - Burgheims Neffe und der einzig Überlebende der Familie - hat die Ausstellung der Stadt zur Verfügung gestellt.

Hedwig Burgheim, die am 28. August 1887 in Alsleben (Saale) geboren wurde, kam 1918 nach Gießen an das Fröbel-Seminar. Ab 1920 war die jüdische Pädagogin Leiterin der Einrichtung in der Gartenstraße. Insgesamt 15 Jahre war sie dort tätig und wurde allseits geschätzt. Etwa 800 Kindergärtnerinnen hat sie im Laufe der Jahre ausgebildet. Dass das Fröbel-Seminar eine Haushaltsschule, ein Lehrerinnenseminar für Kindergärtnerinnen, drei Kindergärten und zwei Kinderhorte umfasste, war maßgeblich ihr Verdienst.

Doch immer wieder kam es zu antisemitischen Anfeindungen, die nach 1933 immer stärker wurden. 1933 gipfelten sie in Burgheims Zwangspensionierung im Zusammenhang mit dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Der Verlust ihrer Arbeitsstelle bedeutete auch den Verlust ihrer Wohnung. Zwei Jahre wohnte sie noch bei einer Freundin in Wieseck und zog dann 1935 nach Leipzig zu Mutter und Schwester um. "Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg", hatte sie sich auf die Fahnen geschrieben und engagierte sich auch in Leipzig für ihre Mitmenschen in jüdischen Selbsthilfeorganisationen. Sie richtete unter anderem eine jüdische Haushaltsschule ein, die 1938 in den Novemberpogromen zerstört wurde. 1942 übernahm Burgheim die Leitung eines jüdischen Altersheims.

Als sie am 17. Februar 1943 verhaftet und nach Berlin verschleppt wurde, fand man in ihrem Zimmer an der Wand den Wahlspruch "Und dennoch" - Zwei Worte, die den mutigen Einsatz der Pädagogin trefflich beschreiben. Doch für Hedwig Burgheim gab es keine Rettung mehr. Sie wurde am 26. Februar 1943 nach Auschwitz deportiert und vermutlich gleich am nächsten Tag ermordet.

Die Ausstellung im Rathaus erinnert an die Stationen im Leben der außergewöhnlichen Frau, deren Geschichte so eng mit der der Stadt Gießen verbunden ist. gl

Quelle: Gießener Allgemeine

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