Starke Maschinen und positiv verrückte Biker

Die Motorradmesse "MotoExpo" lockte an den beiden Tagen des Wochenendes rund 5000 Besucher in die Hessenhallen. Motorradmesse "MotoExpo" lockte rund 5000 Besucher in die Hessenhallen

Gießen (fd). Für negative Schlagzeiten sorgten im vergangenen Jahr wieder einmal Teile der Biker-Szene. Von rivalisierenden Clubs, deren Mitglieder sich gegenseitig Gebiete streitig machen und dafür notfalls über Leichen gehen, war dann meist die Rede. Auch Heiko, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, gehört zu einem Motorrad-Verband. Allerdings prangt von dem großen Aufnäher auf seinem Rücken nicht der in der Szene allgegenwärtige Totenkopf, sondern ein großes Kreuz. Heiko ist Mitglied der "Christian Motorcyclists Association" und möchte mit anderen Bikern nicht um Einflussgebiete streiten, sondern will ihnen das Evangelium nahebringen. So wie etwa 5000 Besucher und 62 Aussteller verbrachte er das Wochenende auf der zweitägigen Motorradmesse in den Hessenhallen zwischen "Hell’s Angels" und Verkehrspolizei. Neben starken Maschinen und trendigem Zubehör standen dabei insbesondere die erfrischend positiv verrückten Biker im Mittelpunkt.

"In der Biker-Szene trifft man immer wieder auf Leute, die in der Vergangenheit viel Mist erlebt haben oder noch mittendrin stecken", erklärt Heiko. Über Trauerarbeit, die Hilfe bei Drogenproblemen oder die Unterstützung von Strafgefangenen will die "Christian Motorcyclists Association" hier Gutes tun. Heiko hat schon viele Orte gesehen, von denen sich die meisten anderen Menschen lieber fern halten: "Wenn ich ein fremdes Clubhaus betrete, dann verhalte ich mich so, als sei ich zum ersten Mal bei meiner Schwiegermutter eingeladen." Der Mann mit dem mittlerweile ergrauten Haar spricht dann von Offenheit und Respekt gegenüber anderen Clubs und deren Mitgliedern, während er am Stand seiner "Christian Motorcyclists Association" in der "Biker-Bibel" blättert: Geschichten von Bikern und Geschichten von Gott sind darin zu lesen. Die Embleme, welche die Lederwesten der kräftigen Kerle am Nachbartisch zieren, kennt man aus den Nachrichten: Geflügelte Totenköpfe tragen die "Hell’s Angels Westend" auf ihren Rücken. Wie das Verhältnis sei? "Hervorragend", zuckt Heiko mit den Schultern.

Er bezieht sich in seinen Erzählungen niemals direkt auf einen bestimmten Verband, sondern bleibt stets unpräzise. "Das ist eine Regel in der Szene: Sprich niemals über einen anderen Club", erklärt er. Ohnehin seien die weltweit 170 000 Mitglieder der Missionare in Lederwesten "farbenblind": Clubzugehörigkeiten spielen keine Rolle, wenn es um eine gute Tat geht.

Rivalitäten zwischen verschiedenen Gruppierungen interessieren auch Pit Lengner nicht. Dennoch ist der Stuttgarter mit seinen neun Einträgen im "Guinnessbuch der Rekorde" eine Institution in der Biker-Szene: Er konstruiert und fährt seit 30 Jahren die kleinsten Motorräder der Welt. Als der einstige Arbeitgeber des gelernten Werkzeugbauers vor 13 Jahren in Konkurs ging, nutzte Lengner die Gelegenheit und machte kurzerhand sein Hobby zum Beruf. Er begann Motorräder der etwas anderen Art zu konstruieren. Nur 42 Millimeter lang ist eins dieser Fahrzeuge, auf denen er einen seiner Rekorde erfuhr: "Auf einem kleineren Bike ist zuvor noch nie jemand gefahren. Und der Rekord besteht noch immer", sagt Lengner.

Mit einem nur unwesentlich größeren Zweirad begeisterte er seine Zuschauer in den Hessenhallen: "Das ist unglaublich", beschrieben viele Besucher übereinstimmend den Anblick des großen Mannes auf dem kleinen Zweirad. Seinen Spitznamen "Kamikaze Pit" gab ihm die Presse jedoch wegen seiner weltberühmten Fahrten auf dem Zweirad an Steilwänden. Bis zu 30 Minuten hielt er es in der "Todes-Tonne" aus, die man sich wie ein acht Meter hohes Fass vorstellen kann, an dessen senkrechter Innenwand Lengner seine Runden zieht. Der Auftritt auf der Gießener "MotoExpo" soll einer der letzten von "Kamikaze" Pit Lengner gewesen sein: "In Deutschland lohnt sich Leistung nicht mehr", schimpft er dann über fragwürdige Darbietungen in diversen Castingshows, deren Teilnehmer weit mehr verdienen als der waghalsige Mini-Motorrad-Pionier. Außerdem machen die Bandscheiben nicht mehr so, wie sie sollten. Auf der "MotoExpo" feierte er am Wochenende seinen 57. Geburtstag.

Während sich "Kamikaze Pit" zurückziehen will und Tränen für den letzten Auftritt mit seinen Mini-Motorrädern verspricht, ist Dieter Weber bester Laune, auch wenn viele Besucher seinen Stand verwundert betrachten: Mit seinem roten Pullover und der gelben Kappe ist er genau wie die anderen Mitglieder des "Gießener Vespa Clubs" ein Exot auf der von Leder und martialischen Symbolen geprägten Motorradmesse. Die Laune lässt er sich davon aber nicht verderben. Für den Sommer hat der Rentner eine Reise in die Schweiz zum Genfersee geplant. Natürlich wieder mit der alten Vespa. Von einer alten Bekannten möchte er sich verabschieden, die dort begraben liegt. "Sie war ein traumhafter Mensch und die schönste Frau der Welt", schwärmt er noch heute. Und dann verrät er: Sie hieß Audrey Hepburn. Die Schauspiellegende traf Weber vor Jahrzehnten in Venedig, als er mit der Vespa und einem Austauschschüler aus Großbritannien unterwegs war, der sich zufällig als ehemaliger Schulkollege der Hepburn herausstellte und ein Treffen organisierte. Dass es wie damals wieder mit der Vespa auf die Reise zu seiner alten Bekannten gehe, das steht für Weber außer Frage: Die Faszination Zweirad lasse sich nicht so einfach ablegen.

Wegen schlechten Wetters musste die Trial-Show des AMC Idstein auf dem Außenbereich des Hessenhallen-Geländes abgesagt werden.

Quelle: Gießener Allgemeine

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