Die Protestaktion auf dem Kirchenplatz.
+
Kundgebung auf dem Kirchenplatz: Dutzende Menschen forderten Evakuierung in Afghanistan sowie Aufnahme- und Schutzprogramme.

Afghanistan

Protest in Gießen: Aufnahme- und Schutzprogramme für Betroffene aus Afghanistan gefordert

Die sofortige Evakuierung von gefährdeten afghanischen Zivilisten durch eine Luftbrücke sowie Aufnahme- und Schutzprogramme für die Betroffenen haben einige Dutzend Menschen bei einer Kundgebung auf dem Kirchenplatz gefordert. Aufgerufen hatten die Ausländerbeiräte von Stadt und Kreis sowie die Hilfsorganisation Seebrücke.

Gießen – »Ich bin sauer über die derzeitige Situation in Afghanistan und fassungslos über den Umgang damit durch deutsche Institutionen«, sagte ein Redner namens Bastian. Vorhersehbar gewesen sei diese Situation »eigentlich seit Jahrzehnten«. Desinteresse und »Es-sich-schön-reden« durch internationale Entscheidungsträger hätten verhindert, dass »tausende Menschen in Afghanistan seit Jahren latent und seit Wochen in besonderem Ausmaß tagtäglich mit Unfreiheit und Todesangst konfrontiert« seien.

Einige Personen, die bei dieser Kundgebung am Samstag (28.08.21) auf dem Kirchenplatz gerne sprechen wollten, hätten sich aus Angst vor Konsequenzen für sie selbst und ihre Angehörigen, die noch in Afghanistan seien, dagegen entschieden. Der Rückzug der US-amerikanischen Truppen und ihrer Verbündeten, damit auch Deutschland, habe die afghanische Bevölkerung »mit Ansage und in absoluter Vorhersehbarkeit« der Entwicklungen der Taliban ausgeliefert.

Gießener haben Angst um Angehörige und Freunde in Afghanistan

»Schockiert« zeigte sich auch Tim van Slobbe, Vorsitzender des Ausländerbeirates des Landkreises Gießen. Es gebe in Kreis und Stadt viele Kontakte zu Menschen, die Angehörige und Freunde in Afghanistan hätten und die die letzte Zeit in »permanenter Angst und Unsicherheit« verbracht hätten. Dass die Taliban gleich nach dem Abzug des ausländischen Militärs die Macht in Afghanistan übernehmen würden, sei absehbar gewesen. Die Regierungen der Staatengemeinschaften hätten in Kauf genommen, dass Millionen Menschen dem Terrorregime schutzlos überlassen worden seien. Dadurch hätten Extremisten in der ganzen Welt das Zeichen erhalten, »dass sie nicht gestoppt werden.«

Der Grundkonsens der Staatengemeinschaft, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, sei unter den Taliban nicht gewahrt. Van Slobbe kreidete an, dass die Botschaft und das Auswärtige Amt in den letzten Tagen nicht erreichbar gewesen seien. In der Warteschleife sei bei der ersten Strophe der Nationalhymne die Verbindung abgebrochen. »Wie kann das bei einem Bundesministerium passieren?«, so der fassungslose Redner. Sein Vorwurf an die Behörden: Statt eine professionell vom Staat organisierte Evakuierung mit transparenter und solidarischer Struktur habe am Flughafen das Recht des Stärkeren gegolten.

Yahya Akhgar vom Ausländerbeirat der Stadt Lich trug seine Rede zuerst in Farsi (Persisch) vor, danach in Deutsch. Nach 20 Jahren erneutem Stellvertreterkrieg habe man Millionen von Menschen ihre Lebensgrundlage weggenommen, beklagter er. (ige)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare