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Innenstadt-Handel

Gießener Seltersweg: Neueröffnung steht an - Sie sorgt für Diskussionen

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Der Seltersweg wurde einst "Schlappegass" genannt. Jetzt wird die Gießener Einkaufsmeile fast schon zum "Optik-Parcours". In Kürze öffnet das 16. Brillengeschäft im Innenstadtbereich. Warum?

Gießen - Ein Lkw mit Bauschutt fährt durch den Seltersweg. Der Schutt stammt aus dem Haus Nummer 52. Das ehemalige Bekleidungsgeschäft Bonita wird entkernt und umgebaut. Dort öffnet im April Mister Spex, Europas größter Online-Optiker, eine Filiale. Das Unternehmen verfolgt seit gut drei Jahren die Strategie, sich im stationären Handel zu etablieren. Dadurch verschärft sich der Wettbewerb in der Optikerbranche - auch in Gießen.

Im Seltersweg wird es im 40-Meter-Radius gleich vier Brillenanbieter geben: Fielmann, Eyes+More, Mr. Spex und Kind (ehemals Geller, Wolkengasse). Schreitet man die Fußgängerzone weiter ab, liegen mit Magnus, Apollo, Neusehland und Abele vier weitere Optiker dicht an dicht. Hinzu kommen Krass in der Katharinengasse, Rau am Marktplatz, ein zweites Neusehland in der Schulstraße, ein zweites Apollo in der Galerie Neustädter Tor sowie Klingelhöfer in der Südanlage. Dieser Optiker wird im März in die Plockstraße umziehen und noch näher an den Seltersweg rücken. Darüber hinaus gibt es mit dem Optikstudio am Schloss, Vision und Brandt in Laufdistanz weitere Anbieter. Das sind zusammen 16 Optiker. Verkraftet die Innenstadt diese Vielzahl? Und warum sucht sich Mister Spex ausgerechnet einen Standort aus, an dem schon drei Mitbewerber nur rund 20 Schritte entfernt liegen?

Seltersweg Gießen: Standort bewusst gewählt

"Wir eröffnen gerne in direkter Nachbarschaft zu Wettbewerbern. Denn wo viele Optiker sind, werden auch viele Brillen verkauft", erklärt Jens Peter Klatt, Expansionsleiter bei Mister Spex. Sein Unternehmen habe sich bewusst für genau diesen Standort im Seltersweg und gegen andere Optionen - etwa in der Galerie Neustädter Tor - entschieden. Der Seltersweg biete "eine sehr hohe Frequenz", sei "trotz einiger Leerstände gesund" und habe einen "guten Branchenmix", meint Klatt.

Einige Gießener äußern aber Zweifel, ob dieser Branchenmix noch gut ist. "Schon wieder ein Optiker", stöhnt ein Mann. Man müsse aber schon dankbar sein, dass keine Shisha Bar oder kein weiterer Handy-Laden dort einzieht.

Markus Pfeffer, Geschäftsführer des BID Seltersweg, hält dagegen: "Große Konzerne prüfen im Vorfeld genau, ob sich eine Investition lohnt. Der Seltersweg ist immer noch sehr attraktiv, hat eine gute Variation an Fachgeschäften und eine im Vergleich zu anderen Städten verschwindend kleine Leerstandsquote", sagt Pfeffer. Es ärgere ihn, dass bei Neueröffnungen schnell genörgelt werde.

Bei den Gießener Optikern nimmt man die Nachricht über die Eröffnung von Mister Spex teilweise mit Galgenhumor zur Kenntnis.

"Ich finde es absurd und fast schon zum Schmunzeln, vier Optiker direkt nebeneinander", sagt Stephen Lotz, Inhaber von Magnus Augenoptik im Seltersweg. Magnus ist das älteste Optik-Geschäft in Gießen; es feiert im März 100-jähriges Bestehen. Er sei grundsätzlich froh über die Beseitigung von Leerständen, aber es hätte nicht unbedingt noch ein Optiker sein müssen, meint Lotz. Es werde nun zu einer weiteren Verschärfung des Wettbewerbes kommen. Vor über 30 Jahren habe es laut Lotz im Seltersweg nur vier Optiker gegeben, die alle inhabergeführt waren: Leisler, Geller, Magnus und Hartmann. Ende der 80er Jahre setzte dann der Trend zur Filialisierung ein: Ketten wie Apollo oder Fielmann machten sich breit, Hartmann entwickelte sich zu "Neusehland" mit mittlerweile auch fast 40 Filialen.

Seltersweg Gießen: Markt in zwei Lager geteilt

"Der Optikmarkt spaltete sich in zwei Lager: Traditionalisten und Filialisten, wobei die zehn größten Filialisten inzwischen 50 Prozent des Branchenumsatzes erzielen. Die Kunden teilen sich auf in solche, die eher auf den Preis schauen und eine hohe Wechselbereitschaft zeigen, und in Kunden, die hohe Qualität und guten Service schätzen und eher inhabergeführten Optikern vertrauen", sagt Lotz. Stammkunden seien für ihn der "größte Schatz". Es gebe Familien, die seit Generationen bei Magnus Brillen kaufen. Und als Geller nach über 90 Jahren aufgehört habe, seien viele Geller-Kunden zu Magnus gewechselt - "weil wir auch inhabergeführt sind", erklärt Lotz.

Samuel Klingelhöfer, Inhaber von Optik Klingelhöfer, sieht ebenfalls eine Spaltung des Marktes. "Es gibt aber zum Glück genug Kunden, die Wert auf gute Optiker legen. Wir leben von Stammkunden und von Mund-Propaganda." Der Konkurrenzkampf in der Optiker-Branche sei hoch - "aber den gibt es in allen Branchen, damit müssen wir leben", meint Klingelhöfer. Er nimmt den Kampf an: Im März wird er mit seinem Geschäft in die Räume des ehemaligen Apple-Stores in der Plockstraße ziehen, die Verkaufsfläche vergrößern und zusätzlich Hörgeräte anbieten.

Auch Klatt hat keine Angst, mit Mister Spex in Gießen Schiffbruch zu erleiden. "Wir verkaufen sehr viele Modebrillen, fahren eine Top-Marken-Strategie mit Namen wie Prada oder Gucci. Das unterscheidet uns von vielen Wettbewerbern, die eher auf private Label oder No-Name-Label setzen", erklärt Klatt. Und er stellt klar: "Wir eröffnen die Läden nicht, weil unser Online-Geschäft rückläufig ist. Im Gegenteil: Wir haben jährlich ein zweistelliges Wachstum im Online-Bereich. Aber wir sehen die Chance, mit den Läden zusätzliche Marktpotenziale zu erschließen."

Quelle: Gießener Allgemeine

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