Wort zum Sonntag

Der Schalter ist umgelegt

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Letztes Jahr um diese Zeit war ich im Libanon. Ende November tauchte die erste wiederverwendbare Tanne auf dem Flur im 6. Stock der Theologischen Hochschule in Beirut auf. Sie fand ihren Platz neben dem Weihnachtsstern, der schon bei meiner Ankunft im September dort gestanden hatte - wohl noch vom letzten Jahr. Denn pünktlich zum 1. Advent war die ganze Stadt mit wetterfesten Weihnachtssternen geschmückt, jeder Ficusbaum trug die roten Blätter.

Mit einem Mal war ein Schalter in der multireligiösen Großstadt umgelegt. Ganz wie bei uns. Zwar kann ich auch hier schon seit September Lebkuchen kaufen, aber erst jetzt schmecken sie richtig - jetzt, wo die ganze Welt den Schalter umgelegt hat und die triste Dunkelheit mit vielen kleinen Lichtern ausleuchtet. Weltweit ereignet sich in diesen Wochen vor dem 24. Dezember etwas, dem man sich nicht entziehen kann, egal, wie man dazu steht. Die vorweihnachtliche Wirklichkeit verlangt, dass ich mich positioniere. Anders als die Jahreszeiten, die sich langsam Tag für Tag verändern, ändert sich zum ersten Advent die Wirklichkeit um mich herum nahezu schlagartig und alle Jahre wieder habe ich Mühe damit, schon am ersten Advent in der Weihnachtszeit angekommen sein zu sollen.

Früher gab’s am ersten Advent gefühlt nur eine Kerze. Ich rege mich auf über die Kommerzialisierung des Festes und erwische mich dabei, wie ich wenige Tage später einen Crêpe auf dem Weihnachtsmarkt genieße und verträumt vor funkelnden Schaufenstern stehen bleibe.

Im Klinikum begegne ich Menschen, deren Augen schon im November seligsehnsüchtig funkeln, weil sie sich so sehr auf diese Zeit freuen, und entsprechend fröhlich auf das Fest mit der Familie hinleben. Und ich begegne Menschen, die sich vor nichts mehr fürchten als dem Heiligen Abend. Weil alte Familienkonflikte wieder aufbrechen, oder Erinnerungen, die ihre Einsamkeit noch unerträglicher machen.

Alle gehen ihren Weg durch den Advent. Und dann denke ich: Die hochschwangere Maria und ihr Josef mussten ja auch einen Weg zurücklegen. 150 Kilometer zu Fuß auf unwegsamen Pfaden. Auch sie, die heutzutage immer schon an der Krippe mit dem Kind angekommen sind, waren länger unterwegs, bis sie nach einer herausfordernden Geburt die Botschaft der Engel vom Frieden auf Erden erreicht hat.

Damit hatte Gott den Schalter umgelegt und ist mitten in der Welt, in der ich mich nun aufmache, um in diesem Jahr wieder meinen Weg zur Krippe zu finden und hoffe, dass Gott Ihnen und mir auf unseren Wegen dorthin begegnet.

Pfarrerin Susanne Gessner, Evangelische Klinikseelsorge Gießen

Quelle: Gießener Allgemeine

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