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Mensch, Gießen

Riesling, House und Rock’n’Roll

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In unserer Porträt-Serie stellen wir heute Nico Medenbach vor. Der 40-jährige Gießener hat sich bundesweit einen Namen gemacht - als DJ, Weinexperte und Tänzer bei Weltmeisterschaften.

Nico Medenbach steht in Socken auf der Terrasse. Hier oben, von seinem Häuschen im Allendorfer Neubaugebiet, kann er die angrenzenden Felder überblicken. Jene Wiesen und Äcker, auf denen er früher als Kind die Detektivgeschichten der Drei ??? nachgespielt hat. "Heute hören meine Kinder die Kassetten. Und spielen dort, wo ich früher gespielt habe." Medenbach lächelt bei dem Gedanken. Ihm scheint zu gefallen, dass der Nachwuchs seinen Spuren folgt. Mit der ein oder anderen Leidenschaft des Vaters sollten die Söhne aber noch ein bisschen warten. Zum Beispiel mit dem Tingeln durch die Clubs. Oder der Sache mit dem Wein. Medenbach hat sich erst als DJ und dann als Weinfachmann bundesweit einen Namen gemacht. Als Rock’n’Roll-Tänzer hat er ebenfalls große Erfolge gefeiert. Natürlich dank Talent. Vor allem aber durch Fleiß und Leidenschaft.

40 Minuten, bevor Medenbach auf den Balkon tritt, sitzt er noch auf der Couch in seinem Wohnzimmer. Aus der Küche ist das Klappern von Töpfen und Pfannen zu hören. Ehefrau Larissa bereitet gerade das Abendessen zu, draußen hüpfen die Söhne mit den Nachbarskindern auf dem Trampolin. Im Hause Medenbach geht es an diesem Abend harmonisch zu. So wie damals, als der Papa selbst noch Kind war.

Medenbach ist in Gießen verwurzelt. Sein ganzes Leben wohnt er schon hier, bis auf Rödgen hat er alle Stadtteile durch. Angefangen hat alles in Kleinlinden. "Ich bin in der Wetzlarer Straße aufgewachsen. Oma und Opa haben gegenüber gewohnt. Das war schön, sehr behütet." Später zog die Familie nach Lützellinden. Nach seiner Zeit auf der Brüder-Grimm-Schule machte Medenbach sein Abitur an der Theodor-Litt-Schule. Die Zusage für seine Ausbildungsstelle als Fachinformatiker hatte er schon in der Tasche. Doch dann folgte der Zivildienst - und warf die Pläne des jungen Mannes beinahe über den Haufen. "Das Jahr an der Martin-Buber-Schule war eines der prägendsten in meinem Leben. Die Arbeit mit den geistig und körperlich behinderten Menschen war für mich so bedeutsam, dass ich überlegt habe, Sonderschulpädagogik zu studieren." Schlussendlich machte der Gießener aber doch seine Ausbildung zum Informatiker.

Volle Leidenschaft

Die Überlegung umzusatteln, ist aber ein guter Beleg dafür, wie Medenbach tickt. Wenn ihm etwas gefällt, stürzt er sich darauf und geht die Sache mit voller Leidenschaft an. Das zeigt sich auch im Beruf: Medenbach hat sich vom einfachen Techniker zum Manager hochgearbeitet. "Weil ich immer die Hand gehoben habe, wenn es etwas Neues gab." Der Gießener reiste um die ganze Welt und setzte verschiedenste Projekte um. Heute leitet er in Marburg die IT-Abteilung eines großen Pharmaunternehmens. Aber auch privat zeichnet ihn diese Zielstrebigkeit aus. Und das schon von klein auf.

Wie so viele Jungs wurde Medenbach mit sechs Jahren in den Fußballverein gesteckt. "Das war aber nicht wirklich mein Ding." Also hörte er auf. Und ging stattdessen zu einem Schnuppertag des Tanz-Clubs 74. Bereits ein Jahr später war er Hessenmeister im Rock’n’Roll, zehn Jahre später sogar deutscher Meister. "Beim Tanzen habe ich das erste mal richtig verstanden: Wenn man etwas investiert, hat das ein Resultat. Und wenn man mehr investiert, hat man ein besseres Resultat."

Durch ganz Europa getourt

Viele Jahre prägte das Tanzen sein Leben. Er tourte durch ganz Europa und nahm selbst an Weltmeisterschaften teil - bis ihm sein Körper ein Strich durch die Rechnung machte. Das Handgelenk und der Rücken streikten. Kein Wunder: Wenn einem viele Jahre lang die Tanzpartnerin aus vier Metern Höhe auf den Rücken springt, hinterlässt das Spuren. Doch es sollte nicht lange dauern, bis Medenbach ein neues Feld entdeckte, auf dem er sich austoben konnte.

"Da steht es", sagt der Gießener und zeigt mit dem Daumen hinter sich. Neben dem Sofa ist ein DJ-Pult mit zwei Plattenspielern aufgebaut. "Ich habe schon als Kind elektronische Musik gehört. ›James Brown is Dead‹ und solche Sachen." Ein Freund brachte ihn dann zum Auflegen. Und wie Medenbach nun mal ist, steckte er seine ganze Passion in die Turntables. Schnell machte er sich einen Namen, in den 2000er Jahren war Medenbach ein gefragter DJ, seine Sets erklangen nicht nur in Gießener Clubs, sondern auch in Berlin, Frankfurt, Hamburg oder München. Auch heute noch steht Medenbach ab und zu an den Reglern, er legt zum Beispiel regelmäßig bei der jährlichen After-Show-Party des WG-Flohmarkts auf.

"Wann hat das mit dem Wein angefangen?", ruft Medenbach dann in die Küche. Seine Frau Larissa klärt auf: Rund 15 Jahre, also kurz nachdem die beiden sich auf einer Party kennengelernt haben. Medenbach legte an diesem Abend auf. Als er Larissa sah, drückte er ihr einen Globus in die Hand und sagte: "Ich schenke dir die Welt." Nein, auf dem Mund gefallen war der Gießener schon damals nicht. Zu jener Zeit griff Medenbach auf Partys immer seltener zum Bier, dafür umso häufiger zum Wein. Über die Tankstelle und den Supermarkt landete er irgendwann beim Weinhandel. "Ich habe mich quasi zum Pseudo-Weinexperten hochgetrunken", sagt der Gießener und erhält für diese Aussage ein resigniertes Stöhnen aus der Küche. "Stimmt doch", sagt der Ehemann lachend und erzählt dann von jenem Moment, als aus "lecker" eine Leidenschaft wurde. "Ich habe auf einer Weinmesse einen Wein probiert, der alles verändert hat. Ich habe Gänsehaut bekommen. Da habe ich gemerkt: Da steckt mehr dahinter." In der Folge gründete Medenbach eine Weinrunde, die sich immer montags zum Verköstigen traf. Aus diesem "Drunken Monday" wurde bald der gleichnamige Blog, der laut Medenbach noch heute zu einem der renommiertesten in Deutschland gehört. Zusammen mit Giancarlo Biscardi bietet er zudem regelmäßig das "Gießener Weintheater" an, und Anfang des Jahres hat er noch ein kleines Nebengewerbe angemeldet. Unter dem Namen "Wein in Bewegung" bringt Medenbach Winzer, Händler, Gastronomen und Kunden zusammen.

Menschen, die gerne Wein trinken, elektronische Musik hören oder schon mal in Berührung mit der heimischen Tanzszene gekommen sind, kennen Medenbach vermutlich. Aber auch Leute, die mit Riesling, House und Rock’n’Roll nicht viel anfangen können, ist der Name Medenbach womöglich schon einmal begegnet. Zum Beispiel in den Sozialen Medien. Auf Facebook kommentiert der Gießener fleißig. Er schreckt nicht davor zurück, seine Meinung zu äußern - und anderen dabei auch mal auf die Füße zu treten.

Diese Direktheit sei ein Teil von ihm, sagt Medenbach. "Das ist in den letzten zehn Jahren so gekommen. Ich habe mich jobmäßig im Bereich Persönlichkeitsentwicklung, Kommunikation und Feedback weiterentwickelt. Das spiegelt sich auch auf Facebook wider." Was der Gießener meint: Medenbach kommentiert selten Artikel, dafür umso mehr die darunter geposteten Kommentare der Leser. Ihn stören unreflektierte Reaktionen, sinnloses Brass-Ablassen und destruktive Pöbeleien. Wenn er für seine Kommentare Gegenwind erhält, lässt ihn das kalt. Schon damals, als jugendlicher Tänzer, haben ihn die dummen Sprüche seiner Altersgenossen - Tanzen gilt unter Jungs schließlich nicht gerade als coolster Sport unter der Sonne - nicht interessiert. Und auch heute scheint der 40-Jährige nicht viel darauf zu geben, was andere von ihm denken. Es sei denn, das Feedback ist konstruktiv.

Medenbach ist beruflich und privat erfolgreich. Er wirkt wie ein Mann, der mit sich im Reinen ist. Selbstzweifel scheinen ihn nicht zu plagen. "Ich bin selbstbewusst und ein Optimist", sagt der Gießener. "Vor allem aber bin ich zielstrebig, ambitioniert und passioniert." Das führt dazu, dass er macht, was ihm Spaß macht. Und was ihm keinen Spaß bereitet, das lässt er sein.

Es gibt da diesen Spruch: Das Leben ist zu kurz für schlechten Wein. Medenbach würde ihn sicher unterschreiben. "Ich würde ihn aber auch ergänzen", sagt der Gießener. Dann lächelt er: "Das Leben ist zu kurz, um schlecht zu leben." (Foto: Schepp)

Quelle: Gießener Allgemeine

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