Rezitation und Kommentar zur "Odyssee"

Peter von Möllendorff und Rudolf Guckelsberger rezitierten und kommentierten Homers "Odyssee" im Konzertsaal des Rathauses auf Einladung der Freunde der Antikensammlung.

Es gibt Geschichten, die sind für die Ewigkeit niedergeschrieben. Dazu gehört auch Homers "Odyssee". Die 12 000 Verse über die Irrfahrt des smarten Troja-Kämpfers, der mit allerlei Tricks den Heimweg nach Ithaka meistert, gehören Jahrhunderte nach ihrer Entstehung zum Kanon der Weltliteratur. Prof. Dr. Peter von Möllendorff, Gräzist am Institut für Altertumswissenschaften der Justus-Liebig-Universität, und Rudolf Guckelsberger, studierter Theologe und unter anderem Sprecher beim SWR, riefen dies nun im Konzertsaal des Rathauses ins Bewusstsein. Mit ihrer Melange aus Rezitation und Kommentierung traten sie bereits zum zweiten Mal auf Einladung der Freunde der Antikensammlung Gießen auf, für die deren Vorsitzender Wolfgang Bergenthum zu Beginn gewohnt charmant Mitgliederwerbung betrieb. 2010 hatten die Möllendorff und Guckelsberger schon einmal Homers "Ilias" auf unterhaltsame wie lehrreiche Weise dem begeisterten Publikum präsentiert. Nun stand Homers zweites bekanntes Epos an.

Doch ist Homer tatsächlich der Verfasser beider Werke? Wohl eher nicht, meinen die Forscher, und Möllendorff belegte diese These mit Hinweis auf die Unterschiede zwischen den beiden "Konkurrenzprodukten". Hier der Tatmensch Achill, dort der zur Reaktion auf diverse Prüfungen verdammte Odysseus; hier die Schilderung des Kampfes um Troja, dort die fantasievollen Geschichten mit allerlei Seemannsgarn und erzählerischem Vagabundieren. Möllendorff kommentierte die von Guckelsberger vorgetragenen Passagen mit wohlgesetzten Worten, die von einer trocken-akademischen Kommentierung weit entfernt waren. "Leichte Inplausibilität" in der Geschichte, einen "klaren Geruch von Konstruktion" oder "perfekten Horror" machte der für seine launigen Kommentare bekannte Gräzist aus – und die Zuhörer im nahezu ausverkauften Saal hingen an seinen Lippen. Sogar als Möllendorff einige Zeilen auf Altgriechisch vortrug, was wohl nur die Wenigsten im Publikum verstehen, aber alle angesichts des immensen Wohlklangs goutieren konnten.

Ein uneingeschränkter Genuss war auch die Rezitation Rudolf Guckelsbergers. Mit seiner wandlungsfähigen Stimme erweckte er die antiken Verse zum Leben. Er polterte als einäugiger Zyklop Polyphem, den der "Niemand" Odysseus mit einer List zum "Keinäugigen" macht. Er säuselte als Sirenen, denen Odysseus nur an den Mast seines Schiffes gefesselt widerstehen kann, diskutierte als erzürnter Zeus mit der weisen Athene und schimpfte als Grobian Hephaistos, der seine Gattin Aphrodite beim Ehebruch mit Kriegsgott Ares in flagranti erwischt und dingfest macht. Auch die unbändige Wut des Odysseus, der sich nach seiner Heimkehr grausam an den Freiern seiner Gattin Penelope rächt, wirkte so echt, dass das Publikum im Saal fast schon ein wenig die Köpfe einzog aus Furcht, selbst von einem der Pfeile des Odysseus getroffen zu werden. Guckelsbergers Rezitation war weit mehr als ein bloßes Vorlesen der Verse, das war ganz große Kunst.

Einen Großteil des Genusses dieser beeindruckenden, über zweistündigen Performance machte auch die von Christoph Martin geschriebene Übertragung der Homerschen Verse ins Deutsche aus. Das "versteckte Lachen" und die Ironie trafen genau den richtigen Ton, denn schließlich ist Odysseus nicht nur ein Listenreicher, sondern auch ein ganz schöner Prahlhans. Da war von "ökonomisch abhängigen" Sängern die Rede oder "blühenden Landschaften" und die fantastischen Begegnungen von Odysseus und seinen Mannen mit allerlei Monstern oder dem "dämonischen Vamp" Circe wurden so als das präsentiert, was sie sind: Eine wunderschöne Geschichte, die man dann besonders genießen kann, wenn man sich klarmacht, dass man sich in der Fiktion nur von der Muse fesseln lassen sollte, wenn man sich zuvor mit dem Verstand auch an die Realität gebunden fühlt. Karola Schepp

Quelle: Gießener Allgemeine

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