Auf Plakattour wenn die anderen feiern

Gießen hat sich über Nacht verwandelt. Überall in der Stadt hängen Plakate. Seit Sonntag ist Wahlkampf. Wir haben drei Heinzelmännchen am Samstagabend auf ihrer Plakattour begleitet. Einblicke in einen unbezahlten Job, für den man Überzeugung, warme Socken und ein dickes Fell mitbringen muss.

Die einen machen sich gerade für den Prinzenball in der Kongresshalle fein, andere für den Restaurantbesuch schick, und in den warmen Kneipen mit Bezahlfernsehen fiebern wiederum andere dem Anpfiff des Topspiels der Bundesliga entgegen. Im Konrad-Adenauer-Haus im Spenerweg werden am Samstagabend zeitgleich orangefarbene Warnwesten, Kabelbinder und Seitenschneider ausgegeben. Knapp 30 Personen sitzen im Veranstaltungsraum der CDU-Parteizentrale im Spenerweg.

Noch 80 Minuten bis zum Start der Plakatierung für die Kommunalwahl am 6. März. Mittendrin steht Parteivorsitzender Klaus Peter Möller – mit Amiparka und Wanderstiefeln. Das Ganze hat etwas von Befehlsausgabe und Schlachtplan, nur viel lustiger. An die Wand wird mit dem Beamer eine Liste mit Handlungsanweisungen und danach ein farbiger Stadtplan geworfen. "Für die, die das erste Mal dabei sind, noch mal kurz die Regeln", sagt Möller und gibt einige Hinweise, damit die Plakate die Sicht von Autofahrern zum Beispiel auf Ampeln nicht verdecken, nicht in Radwege hineinragen oder innerhalb des Anlagenrings aufgehängt werden, denn dort ist das verboten. Auch einige inhaltliche Tipps hat der alte Wahlkampfhase parat. "Textplakate möglichst vor Ampeln" – damit sie bei Rot von Autofahrern auch gelesen werden.

1600 der leichten Kunststoffplakate wollen die Helfer der CDU aufhängen, darunter 300 für die Kreistagswahl, die Masse indes hat die Stadtpolitik zum Thema. Zwei Euro kostet ein Plakat. "Das ist schon extrem günstig. Das ist ein neuer Anbieter, der drängt auf den Markt", sagt Kreisgeschäftsführer und Wahlkampfmanager Markus Schmidt.

Draußen belädt derweil Martin Schlicksupp seinen privaten VW-Bus mit Plakaten und zeigt einigen Anfängern, wie das mit der doppelseitigen Befestigung an Bäumen und Laternen funktioniert. Über die Frage, ob die Partei Kilometergeld zahlt, muss der Vorsitzende der Kleinlindener CDU lachen. "Nee, das ist alles ehrenamtlich."

Auch der Kofferraum des "Golf" von Frederik Bouffier ist mit Plakaten gefüllt. Der Vorsitzende der Jungen Union, Parteivize Randy Uelman und Michael Leschenko bilden eines von acht Dreierteams und sind für den Abschnitt um den Berliner Platz zuständig. Um 19.15 Uhr geht’s los. Auf dem mit Autos überfüllten Parkplatz hinterm Ludwigsplatz stehen schon die Jusos bereit und warten ebenfalls auf ihren Einsatz.

Man grüßt sich. "Das Verhältnis zwischen den Jugendorganisationen ist gut, ab und zu gibt’s mal einen Spruch, aber das war’s dann schon", sagt Uelman. Zehn Minuten später legt das Helfertrio die ersten Plakate auf dem Mittelstreifen der Ostanlage ab. Noch 15 Minuten. Von einem Wettrennen um die besten Plätze zwischen den Parteien ist hier nichts zu sehen. Am Straßenrand warten Maximilian Dietrich und Heiko Schorfheide vom SPD-Ortsverein Mitte, bis das CDU-Team seine mittlerweile befestigten Plakate an den Laternenmasten hochgezogen hat. Dann stellen sie ihre Plakate drunter.

Manchmal brüllt jemand aus einem vorbeifahrenden Auto den Wahlhelfern etwas zu. Die Rufe sind nicht zu verstehen, aber es klingt nicht freundlich. "Wenn man auf dem Mittelstreifen arbeitet, ist das nicht so angenehm, aber man gewöhnt sich daran", sagt Bouffier. 2008 hatte er das erste Mal geholfen. Damals war er 17, jetzt will er – wie sein Mitstreiter Uelman – ins Stadtparlament. "Kommunalpolitik findet vor der eigenen Haustür statt. Wo in der Politik kann man sonst noch so das eigene Lebensumfeld mitgestalten?", fragt der JU-Chef.

Um 21 Uhr erhält das Team den Auftrag, die Restplakate für die Kreistagswahl im Gewerbegebiet Europaviertel aufzuhängen. Das ist schnell erledigt. Dann geht’s zurück in den Spenerweg, wo Pizza auf die Helfer wartet. Ziemlich scharf – und viel schärfer als der erste Einsatz im Wahlkampf.

Quelle: Gießener Allgemeine

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare