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Vor zehn Jahren war Moritz Rinke (l.) Gast der ersten Veranstaltung des Literarischen Zentrums. Zum Geburtstag des LZG blickt er mit Moderator Kai Bremer (r.) auf seine Zeit in Gießen und auf sein Leben zurück.

Persönlicher Rückblick mit Humor

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Zum zehnjährigen Bestehen präsentierte das Literarische Zentrum am Donnerstag einen Autor, der 2010 in Gießen eine Reihe von bislang über 360 Veranstaltungen eröffnet hatte: Moritz Rinke blickte in der Unibibliothek zurück auf sein Studium in Gießen - das ihm "wie eine Großstadt" vorkam - und auf seine schriftstellerischen Anfänge.

Vor allem mit seinem Humor amüsierte der Dramatiker und Romanautor Moritz Rinke die Gäste in der Universitätsbibliothek. Zum zehnjährigen Jubiläum hatte das Literarische Zentrum (LZG) Rinke eingeladen, der 2010 im Veranstaltungsraum des KiZ eine Reihe von seitdem über 360 Veranstaltungen begonnen hatte. Der 1967 geborene Rinke ließ bei seiner Rückkehr nach Gießen seine Kindheit in Worpswede, seine Studienzeit in Gießen und seine schriftstellerischen Anfänge Revue passieren.

Bereits 2015 hatte Rinke der Uni-Bibliothek seinen Vorlass zur Verfügung gestellt, "ein wunderbarer Schatz" für Studium und Forschung, wie Bibliotheksdirektor Dr. Peter Reuter anmerkte. Dr. Kai Bremer, früher am Germanistikinstitut tätig, seit einem Jahr Professor in Osnabrück, habe als Vermittler wesentlich zur Erschließung des Materials beigetragen.

Das unverkrampft-lockere, mitunter sehr humorvolle Gespräch zwischen Autor und Moderator machte den Abend zu einem großen Vergnügen. Es war keine gewöhnliche Lesung, vielmehr entstand ein durch Anekdoten bereichertes Porträt eines bedeutenden Dramatikers und Romanciers.

Gießen "wie eine Großstadt"

Aufgewachsen in Worpswede bei Bremen, absolvierte Rinke seinen Zivildienst im Hochsauerland. Nach dem Leben in der Provinz sei ihm Gießen "wie eine Großstadt" vorgekommen, als er zum Institut für Angewandte Theaterwissenschaft reiste, um dort die Aufnahmeprüfung zu absolvieren. Darin musste er über ein Tanztheaterstück schreiben. Seine Affinität zu diesem Genre sei der Mutter zu verdanken, die am Bremer Theater arbeitete und in Kontakt mit dem Tanztheaterleiter trat. Rinke mochte diese Welt, die ihm "wie die Verlängerung der Kindheit ins Erwachsenenalter" vorkam.

Der Künstlerort Worpswede habe ihn geprägt mit der "zwiespältigen Geschichte" im Nationalsozialismus, die er in seinem 2010 erschienenen Debütroman "Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel" kritisch beleuchtet. In einem Text spiegelten sich die Erinnerung an die Moorlandschaft und an Touristen, die erwarteten, jeder müsse hier in die Fußstapfen der Malerin Paula Modersohn-Becker treten. Aus Trotz habe er sich der Schreibkunst zugewandt.

Am Theaterinstitut sei er zum "Antagonisten und starken Verfechter des literarischen Theaters geworden", er verfolgte ein anderes Konzept als seine für die Postdramatik bekannten Lehrer Andrzej Wirth und Hans-Thies Lehmann. Mit leuchtenden Augen beschrieb Rinke nachhaltige Begegnungen mit Professorengestalten wie dem Ästhetiker Klaus Inderthal. Alsbald sei ihm klar geworden, dass man als Schriftsteller der Theorie nicht übermäßig Raum geben dürfe. Andrzej Wirth habe den Studenten mit seinem Charisma Selbstwertgefühl vermittelt. Fachlich habe er bei ihm zwar weniger gelernt, dafür Gelegenheit erhalten, eigenen künstlerischen Vorlieben nachzugehen.

Schmunzeln bereitete etwa der Text "Zwei Päpste und ein Mädchen" über eine gewitzte, schlaglichtartige Laudatio von Marcel Reich-Ranicki auf Wirth. Oder Rinkes in einer Vitrine ausgestellter Brief an Max Frisch, der verdeutlichte, wie sich seine Sichtweise auf "Stiller" gewandelt hat.

So wurde es ein persönlicher Abend - Rinke schilderte Halbprivates wie die Begegnung mit Heiner Müller. Nach dem Studium erhielt er eine Volontariatsstelle beim Berliner "Tagesspiegel", habe als Theaterkritiker viel gesehen, befürchtete indes, dabei "Dinge nicht mehr sinnlich erfahren zu können". Nachdem er einen Journalistenpreis gewonnen hatte, wurde er freier Autor und schrieb sein erstes, 1996 in Zürich uraufgeführtes Theaterstück "Der graue Engel".

Quelle: Gießener Allgemeine

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