Vom Nutzen der Gefahr

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Mit der Sicherheit ist das so eine Sache. Und mit der Unsicherheit auch. Was dem einen schon recht sicher scheint, empfindet der andere noch als zu unsicher. So gesehen, ist eigentlich nur eines sicher: Im politischen Diskurs spielt die "Sicherheit" heute eine zentrale Rolle, auch und gerade in den USA. Der Umkehrschluss gelte aber nicht, argumentierte der Frankfurter Amerikanist Prof. Johannes Völz bei der Ringvorlesung des JLU-Präsidenten "Amerika ist anders" am Montag in seinem Vortrag "Der Gebrauch der Bedrohung: Die amerikanische Literatur und das Problem der Sicherheit". Dass in den USA besonders viel über Sicherheit diskutiert werde, zeige nicht unbedingt, wie unsicher oder ängstlich die Amerikaner geworden seien.

Mit der Sicherheit ist das so eine Sache. Und mit der Unsicherheit auch. Was dem einen schon recht sicher scheint, empfindet der andere noch als zu unsicher. So gesehen, ist eigentlich nur eines sicher: Im politischen Diskurs spielt die "Sicherheit" heute eine zentrale Rolle, auch und gerade in den USA. Der Umkehrschluss gelte aber nicht, argumentierte der Frankfurter Amerikanist Prof. Johannes Völz bei der Ringvorlesung des JLU-Präsidenten "Amerika ist anders" am Montag in seinem Vortrag "Der Gebrauch der Bedrohung: Die amerikanische Literatur und das Problem der Sicherheit". Dass in den USA besonders viel über Sicherheit diskutiert werde, zeige nicht unbedingt, wie unsicher oder ängstlich die Amerikaner geworden seien.

Stattdessen betonte Völz eine andere Dimension von Bedrohungen. Aufhänger dafür waren zwei Videos, gedreht wenige Tage nach dem Anschlag auf den Boston-Marathon im April 2013. Das erste, ein Nachrichtenclip, dokumentierte die Suche nach dem flüchtigen Attentäter: Polizisten durchkämmen eine Siedlung, Waffen im Anschlag, offenbar jederzeit bereit zu schießen – und damit eine Gefahr nicht zuletzt für unkooperative Bewohner. Die Furcht als "affektive Rechtfertigung" für die Aufhebung von Grund- und Bügerrechten wie der Unverletzlichkeit der Wohnung, erläuterte Völz.

Dem Ausnahmezustand folgte die Party. Denn nach der Festnahme des Attentäters wurden die Polizisten am selben Abend auf den Straßen mit "USA!"-Sprechchören gefeiert, wie ein Handyvideo belegte.

Angesichts dieser Szenen greife es zu kurz, in der Jubelfeier lediglich die Reaktion auf die vorhergehende Anspannung zu sehen, sagte Völz. Sie sei vielmehr "integraler Bestandteil bei der Erfahrung der Sicherheitskrise". Konfrontiert mit der Gefahr, versuchten die Gefährdeten, ihre Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen. Indem die Ereignisse – manchmal erst nachträglich – derart mit Bedeutung aufgeladen würden, gerate die Krise zu einem "Prozess der Aktivierung und Ermächtigung". Aus Schwachen würden Starke, aus Opfern Handelnde – und letztlich siegten Demokratie und Gemeinschaft über Terror und Angst.

Bei allen politischen Fragen legte Völz sein Hauptaugenmerk auf "die kulturelle Verarbeitung von Unsicherheit". Hier kam die Literatur ins Spiel. Gemäß ihrer Funktion als "Möglichkeitsraum", also losgelöst von allen Zwängen der Realität, ergründe sie, wie Menschen auf Unsicherheit reagieren könnten. Dafür nannte Völz eine ganze Reihe von Beispielen. So fliehe der Protagonist in Willa Cathers Roman "The Professor’s House" (1926) vor der bedrohlichen Moderne in die Vorstellung von einer längst untergegangenen Indianerkultur, wodurch Sicherheit wie vollkommener Grenzenlosigkeit erscheine.

Flannery O’Connor ("A good man is hard to find", 1955) nutze dagegen Gewalt und Bedrohung symbolisch für "religiös gefärbte Momente der Erlösung". Und Don DeLillo stelle das literarische Motiv gewissermaßen auf den Kopf, wenn sein Held, ein Hedgefonds-Manager, in "Cosmopolis" (2003) zuerst sein Vermögen verzocke, dann seinen persönlichen Sicherheitsapparat gegen sich aufhetze und sich am Ende sogar selbst in die Hand schieße: die größtmögliche Unsicherheit als authentischste aller menschlichen Erfahrungen.

Aus der "Bedrohungsästhetik" führte Völz seine Zuhörer wieder in die Realität. Dort gingen Sicherheitsdebatten, der Ruf nach einem "starken Staat" und immer mehr auf Exekutivgewalt konzentrierte Politik oft Hand in Hand. Soll heißen: Wo Sicherheit immer wichtiger wird und Momente der Angst und Unsicherheit nicht selten identitätsstiftend wirken, drohen andere Werte über Bord zu gehen. Dies sei indes ebenso wenig auf die USA beschränkt, wie sich das Sicherheitsmotiv nur in der amerikanischen Literatur finde, so Völz.

Aber Amerika ist eben anders. Den USA fehle im Gegensatz zu vielen anderen Ländern die nationale Tradition als Basis kollektiver Identität, unterstrich denn auch Völz: "Gefahr und Unsicherheit sind Grundbedingungen des amerikanischen Experiments mit der Demokratie."

Quelle: Gießener Allgemeine

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