"Die normalen Leute sind die Situation leid"

Gießen (kw). Mitten durch Deutschland zog sich einmal eine der bestgesicherten Grenzen der Welt, jahrzehntelang bekriegten sich Deutsche und Franzosen immer wieder. "Für Sie ist das ja gar nicht mehr Realität", sagte Dr. Harald Kindermann zu Elft- und Zwölftklässlern der Max-Weber-Schule.

Gießen (kw). Mitten durch Deutschland zog sich einmal eine der bestgesicherten Grenzen der Welt, jahrzehntelang bekriegten sich Deutsche und Franzosen immer wieder. "Für Sie ist das ja gar nicht mehr Realität", sagte Dr. Harald Kindermann zu Elft- und Zwölftklässlern der Max-Weber-Schule. Ähnlich könne man sich eines Tages an den Nahost-Konflikt erinnern: Diese Hoffnung äußerte der deutsche Botschafter in Israel, der eine Wohnung in Gießen hat, wo er viele Jahre an der Justus-Liebig-Universität tätig war. Nach zweistündiger Diskussion mit den Fachoberschülern lobte er deren "hervorragende" Vorbereitung: "Ihre Präsentation hätte man auch im Auswärtigen Amt vorführen können."

Kindermann, 1949 in Bielefeld geboren, kam nach seinem Jurastudium 1973 als Wissenschaftlicher Assistent nach Gießen, promovierte hier 1979 und war bis 1987 Dozent an der JLU. Dann wechselte er in Bundesjustizministerium, war sieben Jahre lang Leiter des Planungsstabs im Auswärtigen Amt und wurde dann Botschafter: Zuerst in Saudi-Arabien, dann in Bulgarien und seit März 2006 in Tel Aviv. Privat ist er noch immer eng mit Gießen verbunden. Über persönliche Kontakte kam er auch an die kaufmännische berufliche Schule: Daniel Wendt, Referendar für die Fächer Politik sowie Wirtschaft und Verwaltung, kennt den Botschafter.

Ein weiterer Grund für den hohen Besuch war, dass die MWS zurzeit eine Partnerschule in Israel sucht. Geplant sei ein dauerhafter, stabiler Austausch, sagte Schulleiter Dr. Reinhard Kwetkus.

Unterstützt von seinem Mentor Stefan Kerkemeyer, behandelte Wendt ein halbes Jahr lang mit drei Klassen das Thema Israel. Dabei ging es um die frühe Geschichte der Region ebenso wie um die Judenverfolgung in Deutschland unter den Nationalsozialisten und den Nahostkonflikt. Die Jugendlichen haben außerdem im Rahmen ihrer Studienfahrt das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald besucht oder werden das noch tun. Das Verständnis für die beiden Seiten des schwelenden Konflikts sei gewachsen, findet Wendt nun, denn: "Die Konfliktlinien verliefen quer durchs Klassenzimmer." Jugendliche mit arabischem Familienhintergrund hätten zuvor meist die Position der Palästinenser geteilt, westlich geprägte eher die der Israelis. Diese kulturelle Vielfalt im Klassenzimmer sei einer der Gründe dafür, dass er gern an Schulen gehe, hob auch Kindermann im AZ-Gespräch hervor.

Ausführlich beantwortete er nun die im Unterricht vorbereiteten Fragen zur Politik, aber auch zu seinem Berufsalltag. Immer wieder verglich er den Konflikt zwischen den Bevölkerungsgruppen in Israel mit Streitigkeiten in der Familie oder unter Freunden. Ein Hauptproblem sei, "dass keiner Vertrauen zum anderen hat, das Verhältnis ist zerrüttet". Von außen dürfe man nicht erklären, wie die Lösung aussehen müsse. Man könne den Friedensprozess nur begleiten, indem man beispielsweise eine Mitterrolle in der schwierigen Kommunikation übernimmt. Dabei habe er Kontakte natürlich auch zu Arabern: "Lieblinge zu haben, ist in der Diplomatie verboten." Eine Chance auf Frieden sehe er schon deshalb, weil "die ganz normalen Leute die Situation leid sind".

Eigentlich müssten Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes mehrere Sprachen beherrschen - er selbst komme aber mit "löchrigem Englisch" und Dolmetschern zurecht, berichtete Kindermann den Schülern. Auch Deutsch spreche er mitunter im Amt, zum Beispiel mit den Senioren vom Verein der aus Gießen und Umgebung vertriebenen Juden. Ein merkwürdiges Gefühl sei es, dort im Wohnzimmer Bilder vom alten Gießener Marktplatz zu sehen, "wie sie auch in der Bank hängen, wo ich meine Kontoauszüge hole".

Viel Beifall spendeten die Schüler schließlich dem 58-Jährigen. "Lebensnah und anschaulich", so Kwetkus, habe der Gast vieles von seinem Wissen und seiner Erfahrung weitergegeben.

Quelle: Gießener Allgemeine

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