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Nina George und »Das Lavendelzimmer«

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Nina George gestaltet ihre Lesung mit vollem Einsatz.		 (Foto: dw)
Nina George gestaltet ihre Lesung mit vollem Einsatz. (Foto: dw) © Doris Wirkner

Bestsellerautorin Nina George liest auf Einladung des Literarischen Zentrums aus »Das Lavendelzimmer«.

Lavendel hat bekanntlich eine beruhigende Wirkung. Mitnichten kann man das von der Lesung des Romans »Das Lavendelzimmer« sagen. Bestsellerautorin Nina George gab am Dienstag im KIZ alles, um die zahlreichen Besucher in den Bann ihres Werkes zu ziehen und die Lesebühne in ein Kopfkino zu verwandeln.

Während zarter Lavendelduft die rund 60 Zuhörer einhüllt und liebevolle Artefakte des Lavendelzimmers eine beinahe romantische Atmosphäre in den sonst kargen Raum zaubern, wird Gießen zu Paris. Paris im Sommer, in einer Straße, deren klangvoller Name nach französischer Leichtigkeit duftet. Hier verkauft der etwas seltsame Buchhändler Perdu Bücher wie Medizin und George macht die Kraft der Literatur auf allen Ebenen und mit vollem Einsatz spürbar. Den Text kann sie längst auswendig, es ist ihre letzte Lesung des von Oprah Winfrey empfohlenen Buches, das in 33 Sprachen übersetzt, unter anderem die Bestseller-Liste der »New York Times« anführte. Die Lesung wird zum Hörgenuss, ohnehin kennen die meisten Gäste den Roman bereits. Mit Lust inszeniert sie ihre Worte, wie sie den Käse genießt, dessen Namen sie der Straße des Buchhändlers lieh. Schlüpft eloquent wie ihre Sprache in die unterschiedlichen Rollen, krächzt mal rauchig ins Mikrofon, flüstert, schreit und schüttet sich Wasser auf die Bluse, wenn es die Szene verlangt.

Dem englischen Freund hört man seine Herkunft an und ein Lachen hat viele Facetten. Das hat Perdu verlernt in seiner auf der Seine schwimmenden Bibliothek, aus der er für seine Kunden stets das richtige Buch zum momentanen Lebensgefühl verabreicht. Die Frau, vom Ehemann nach langen Jahren schnöde verlassen, bekommt daher kein Buch zum Trost. Um nicht in aufgestauten Tränen wie in einem See zu ertrinken schenkt er ihr eines, das dem Weinen eine Bahn ebnet. Im Witwenklub der von den Enkeln verlassenen Damen, findet er harmlose Buchumschläge für die von diesen entdeckte erotische Literatur und weiß Rat in der Elternsprechstunde für die durch »Pubertiere« leidgeplagten Erziehungsberechtigten. Jugendliche wiederum finden einen Raum, in dem sie das lesen können, was zu Hause verboten ist. Perdu liebt Menschen und geht ihnen dennoch aus dem Weg. Seinen eigenen Schmerz vermag er nicht zu heilen. Genau 21 Jahre schon vermeidet und umgeht er die Erinnerungen, die im Lavendelzimmer hängen geblieben sind. Bis er es eines Tages doch betreten muss.

George liest, als seien die Figuren alte Bekannte, deren Geschichten sie erzählt und berichtet dazwischen, mit viel Witz und Ironie, wie sie zu ihr fanden. Sie erweckt sie zum Leben mit einer Sprache, die mal getragen ist von Leichtigkeit, manchmal frech und von unverblümter Direktheit lebt, stets aber bildreich die ganze Palette menschlicher Gefühle anspricht. Einer aber ist im Lavendelzimmer nicht ihrer Fantasie entsprungen. Der Vater des Buchhändlers gleicht dem der mehrfach ausgezeichneten Publizistin. 25 Romane, Krimis, Science-Thriller und Kurzgeschichten hat die 42-Jährige bereits geschrieben. Das Wort ist das Metier der Journalistin, Essayistin und Reporterin. Als Dozentin lehrt sie sogar den Umgang damit.

Das »Lavendelzimmer« sei nicht nur ein Buch über die Kraft der Literatur, sondern vor allem eines über die Kraft der Liebe. Über den Verlust eines Menschen, der geliebt und schmerzlich vermisst wird und das Gefühl, die Liebe eines Menschen zu entbehren, der einem alles war. So wie ihr selbst der eigene Vater, der starb, als das Buch entstand. Perdu schließlich kommt nicht umhin, sich seinem sorgfältig verdrängten Kummer zu stellen. Nach 21 Jahren bricht er endlich aus seinem Gefängnis aus, wirft den Motor seines Bücherschiffs an und überlässt sich den Wogen des Lebens. Doris Wirkner

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