Neue Druckwerkstatt zeigt Semesterergebnisse

Prof. Johanna Staniczek ist stolz auf das gute Ergebnis der vereinten Anstrengung, die Druckwerkstätten am Institut für Kunstpädagogik nicht nur auf den Stand der aktuellen Sicherheitsvorschriften zu bringen, sondern auch neue Geräte angeschafft und die Raum- und die Lichtsituation wesentlich verbessert zu haben.

Vorbereitung und Organisation haben ein gutes Jahr gedauert, das war sozusagen die Feuertaufe für die neue künstlerisch-technische Assistentin Sylvia Matzke, die nun die Druckwerkstätten unter sich hat. Ohne sie darf hier nicht mehr gearbeitet werden, die Sicherheitsvorschriften verlangen dies. Sie betreut auch im Bereich Druck die neu eingeführten "Werkstattscheine", mit denen die Studierenden ihr praktisches Arbeiten nachweisen.

Und um die Druckwerkstatt besser ins Bewusstsein der Kollegen und Studierenden zu rücken, holte Staniczek für die aktuelle Gastprofessur den renommierten Grafiker Philipp Hennevogl. Sie hatte sein beeindruckendes Werk in Ausstellungen gesehen und bei dem in Berlin lebenden Künstler angefragt. Eine glückliche Entscheidung, wie die stellvertretende Direktorin feststellt: die Seminare sind gut belegt, die Werkstätten werden von den Studierenden gern genutzt. Und er reaktivierte die Korex-Andruckpresse von 1970, die unbenutzt herumstand und kurz vor dem Gang ins Altmetall war. Der Druckfachmann konnte allen zeigen, wie qualitativ hochwertige Ergebnisse damit zu erzielen sind.

Gestern wurde in einer kleinen Feier die erste Ausstellung mit Werken aus den Grafikseminaren eröffnet. Themen waren Mustervariationen und "Die Stadt", die für erste Versuche erstaunlich qualitätvollen Arbeiten sind allesamt interessant anzuschauen. Die Ausstellung ist bis Ende Februar bei den Kunstpädagogen im Phil. II zu sehen (Erdgeschoss, rechter Flur).

Für Philipp Hennvogl ist dies nicht der erste Aufenthalt in Gießen. 2004 war er zu Gast im Doppelzimmer, der nicht mehr existierenden Galerie in der Ludwigstraße, und 2010 in der für Kunst sich engagierenden Rechtsanwaltskanzlei Advotec in der Georg-Schlosser-Straße. Bei beiden Ausstellungsorten hat der Vorsitzende des Neuen Kunstverein Gießen, Markus Lepper, wesentlich mitgewirkt. Bei einer dieser Präsentationen hatte Prof. Staniczek auch die ungewöhnlichen Arbeiten von Hennevogl gesehen.

Der 1968 geborene Künstler studierte freie Malerei an der Gesamthochschule Kassel (1988 - 94) bei den Professoren Kurt Haug, Peter Angermann und Urs Lüthi. Hennevogl lebt und arbeitet seit Jahren in Berlin. Erst nach seinem Studium verlegte er seinen Arbeitsschwerpunkt auf die Grafik, genauer auf das Medium Linolschnitt. Was Mitte der 90er Jahre sehr ungewöhnlich war, denn Grafik galt als konventionell, wenn nicht gar bieder.

Mittlerweile ändert sich dies, auch junge Kunstschaffende entdecken das Medium in seinen diversen Spielarten wieder für sich. "Das mag mit der Größe zu tun haben", mutmaßt Hennevogel, "In den 80er und 90er Jahren musste alles im Großformat entstehen und das war mit der gestischen Malerei halt wesentlich einfacher als mit der Grafik." Diese Bewertung ändert sich allmählich. Und Künstler wie Hennevogl haben sicher ihren Beitrag dazu geleistet.

Seine Beschäftigung mit dem Linolschnitt begann vor 15 Jahren mit kleineren Arbeiten, die mit der Andruckpresse gedruckt werden, bis zu großformatigen anspruchsvollen handgedruckten Schnitten. Er machte auch Versuche in anderen Hochdrucktechniken wie Holzschnitt oder dem direkten Druck von Materialien in seiner Serie "Mutterboden": dem direkter Druck von PVC-Fußboden. Letzteres sind seine größten Arbeiten in den Maßen 1,50 mal 3,30 Meter.

Er sucht seine Themen in seiner Umgebung, das heißt im Alltag der Stadt. Grafische Strukturen gibt es überall: im Muster des Strickpullis, in einer Reihe von Mülltonnen oder im Kabelgewirr heutiger PC-Anlagen. Genau so hat er auch seine Seminarteilnehmer dazu angehalten, in ihrem Alltag zu schauen, vor allem selbst zu betrachten und nicht aus dem "www" downzuloaden. "Das ist doch langweilig, die x-te Version von Marilyn Monroe oder James Dean zu zeichnen", findet er. Er betrachtet alles mit dem gleichen Sinn fürs Detail: ein Stillleben im eigenen Zimmer, den Kabelsalat seiner Stereoanlage, das gezackte Gewirr von Strommasten und die bizarren Strukturen von Baumwipfeln.

Seit 1992 nimmt er regelmäßig an Ausstellungen teil, auch an renommierten Orten wie dem Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, dem Museo della Xilografía in Carpi/ Italien, dem Museum Fridericianum in Kassel und dem Gutenberg-Museum in Mainz. Seine Arbeiten wurden für große Sammlungen angekauft. Zusätzlich zu seiner künstlerischen Produktion kamen noch Lehraufträge, Kurse und Vorträge zum Thema Linolschnitt. Die Gastprofessur Kunst am Institut für Kunstpädagogik der JLU Gießen im Wintersemester 2012/13 ist seine erste längerfristige Anstellung. Und die macht ihm trotz des großen Arbeitspensums offensichtlich Freude. Man darf gespannt sein auf die Präsentation der Arbeitsergebnisse des kommenden Sommersemesters. dkl

Quelle: Gießener Allgemeine

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