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Nähgarnrollen und Kartoffelfinger

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Von: Dagmar Klein

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Exbodiment3_Johannesen_S_4c © Dagmar Klein

Und wieder hieß es: »Kunsthalle goes Unterer Hardthof«. Dort war die dritte Live-Performance der Reihe »#Exbodiment« zu erleben - mit dem Norweger Kurt Johannessen und der Nordirin Sinéad O’Donnell.

Der Untere Hardthof sei ihr schon fast familiär vertraut, sagte Tarika Johar, Initiatorin und Organisatorin der Performance-Reihe »Kunsthalle goes Unterer Hardthof«. Das Zwischenprogramm mit dem Titel »#Exbodiment« soll den Umbau der Kunsthalle überbrücken. In der ursprünglich geplanten Reihenfolge wäre am Dienstag der Abschluss der Reihe gewesen, doch da die erste Veranstaltung krankheitsbedingt abgesagt werden musste, folgt noch ein Nachholtermin am 25. Oktober. Dann dürfte es noch kälter sein, als es jetzt schon war. Beide Künstler, Kurt Johannessen und Sinéad O’Donnell, hatten als Ort für ihre Performance die Gewölbekeller der einstigen Brauerei auf dem Hardthof gewählt und nicht die Galerie wie beim letzten Mal.

Es begrüßten wiederum Dr. Nadia Ismail, Leiterin der Kunsthalle Gießen, und Dieter Hoffmeister, zweiter Vorsitzender des Hardthof-Vereins. Er bezeichnete die Veranstaltungsreihe als Tour d’Horizon durch die internationale Performanceszene, die mit Künstlerinnen aus den USA/Italien (Morgan O’Hara) und Kanada (Julie Andrée T.) begonnen hatte, beim letzten Mal von Mexiko (Rocío Boliver) bis Japan (Tokyo Maruyama) reichte und jetzt, in Europa verbleibend, Irland mit Norwegen zusammenbrachte.

Die Künstlerkontakte hat das Performancearchiv »Black Kit/Schwarze Lade« in Köln, wo jeweils vor den Gießener Auftritten ebenfalls eine Duo-Performance stattfindet. Das Zusammenbringen von Künstlern, die sich zuvor nicht kannten, hat bislang nur beim ersten Mal eine direkte Reaktion erbracht, als O’Hara zeichnerisch auf die Performance von Julie T. reagierte. Seither sind es eher einander widerstrebende Aktionen, die separat und nacheinander gezeigt werden.

Männer arbeiten meditativ, Frauen eher körperbezogen

Der Norweger Kurt Johannessen organisiert in seiner Heimatstadt Bergen seit 2007 ein Performance-Festival. Er arbeitet sehr naturbezogen, still und meditativ. Einer der langgezogenen Hardthof-Kellerräume war mit diversen kleinen Objekten auf dem Boden belegt. Er nutzt Nähgarnrollen, die er aufeinanderstapelt oder von denen er Garn abrollt und durch den Raum verspannt. Die Befestigung erfolgt zwischen von der Decke hängenden Fäden und schweren Steinblöcken auf dem Boden. Der Kontrast zwischen zart-durchscheinend und blockhaft ist enorm. Dieser Eindruck wird verstärkt durch kleine Behältnisse, die mit Samen gefüllt sind, die er an kleine Karabinerhaken hängt. Dann stellt er noch kleinere, ebenfalls gefüllte Gefäße auf die Steine und ausgebreiteten Papierscheiben. Am Ende steckt er sich Grashalme in einen Ärmel und streichelt mit den herausschauenden Samenständen die Steine, murmelt dabei Beruhigendes. Ein Heiler der Natur? Jedenfalls hängt alles mit allem zusammen.

Die Irin Sinéad O’Donnell arbeitet sich offenbar am mangelhaften Schulsystem ihrer Heimat ab. Sie inszeniert Drohgebärden mit dem Stock, mit Beschimpfen und auf die Finger gesteckten Kartoffeln, wobei sie dies mit Charme tut und auch Lacher provoziert. Krachender Lärm entsteht im Gewölbekeller, wenn sie die Metallbein-Stühle heftig auf den Betonboden aufschlägt. Ihr Turmbau aus Stühlen endet in einem Kraftakt, wenn sie diesen umkippt, weiterdreht und schiebt. Die anfängliche Ordnung der Stuhlreihe ist jedenfalls gründlich zerstört, ihr Job offenbar erledigt.

Sie performt, wie ihre Vorgängerinnen, sehr körperbezogen und direkt, während die Männer in der Performancereihe »#Exbodiment« bisher durchweg ins Ephemere und in Geistwelten ziehen. Interessant, wie auf diese Weise Geschlechterstereotype wiederkehren. Es bleibt spannend, wie die nächsten Künstler performen.

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Exbodiment3_ODonnell_Kar_4c © Dagmar Klein

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