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Der letzte Tag in der Praxis: Hanna Maria Rethorn mit ihren Patienten Cody und Kira sowie dem zehnjährigen Jungen Marc.

Nach 40 Jahren Kleintierpraxis in den Ruhestand

Hanna Maria Rethorn hat Mitte der 70er Jahre eine der ersten Kleintierpraxen der Stadt eröffnet. Nun setzt sie sich zur Ruhe. Im Laufe von 40 Jahren hat sich viel verändert: Die Medizin bietet ganz andere Möglichkeiten als früher, die Bindung vieler Menschen an ihr Tier ist enger. Aber das Wesentliche an ihrem Traumberuf ist geblieben, sagt die 67-Jährige. Es geht nicht ohne Empathie für Mensch und Tier.

Er war ein kleiner Stinkstiefel, biss gerne mal zu und war nicht kompatibel mit Mensch oder Tier. In den 70er Jahren keine guten Aussichten für einen Hund. Der Rüde landete in der Tierklinik und sollte eingeschläfert werden. Vorher standen ihm aber allerlei Operationen bevor – zur praktischen Übung für die Studenten. Heute undenkbar, damals üblich. Die Studentin der Veterinärmedizin Hanna Maria Rethorn hatte Mitleid mit dem Schnauzermix und nahm ihn kurzerhand mit. Mumu, ein zotteliger kleiner Kerl, wurde ihr erster eigener Hund. Die Neigung, abgeschobene Vierbeiner einfach einzupacken, wurde zu einer Angewohnheit der resoluten Veterinärin, eine Art Tick. Einen Dackel zum Beispiel, den der Besitzer einschläfern lassen wollte, weil er so viel bellte. Das kam für sie überhaupt nicht in Frage. "Dann kommt er eben mit", sagte sie.    Operation mit Kind am Rockzipfel   So unkonventionell wie die spontanen Entschlüsse war 1975 auch die erste Praxis. Hanna Maria und Dietrich Rethorn hatten kurz zuvor geheiratet und eine Wohnung im sechsten Stock eines Mietshauses bezogen.

Der Flur diente als Wartezimmer, neben Küche und Wohnzimmer gab es einen Behandlungsraum. Hier praktizierte "H. M. Rethorn". In der ersten Zeitungsanzeige verschwieg sie vorsichtshalber ihren Vornamen, denn die junge Tierärztin war sich nicht sicher, ob die Besitzer der Patienten eine Frau akzeptieren würden. Der Versuch gelang. Nach dem ersten Schreck, dass der erwartete "Herr Doktor" weiblich war, fassten die Herrchen und Frauchen Vertrauen. Viele blieben ein Leben lang und brachten im Laufe der Jahre Generationen von Haustieren zur Behandlung. Rethorn: "Da lernt man sich ganz gut kennen und weiß nicht nur beim Vierbeiner, wo der Schuh drückt".

Als nicht nur die Praxis wuchs, sondern auch die Familie, zogen Rethorns in die Goethestraße. Das heute schmucke Jugendstilhaus, in dem die Firma Bänninger damals Gastarbeiter untergebracht hatte, war ziemlich heruntergekommen. Mit viel Eigenarbeit wurde es nach Feierabend in Schuss gebracht. "Ein Lebensprojekt", lacht Rethorn. Davon gibt es einige. Lebensprojekt Nummer eins lautete: Viele Kinder. Dietrich und Hanna Maria Rethorn wollten "auf jeden Fall" eine große Familie.

Die vier Sprösslinge – Jens, Hella, Isabelle und Lena – wuchsen zwischen Hunden und Katzen, zwischen Spritzen und Stethoskop auf. Dass ein Kind am Rockzipfel hing, während die Mama operierte, war völlig normal.

Projekt Nummer zwei: Das alte Haus wurde zum gemütlichen Nest für mehrere Generationen. Weil es groß genug war und die Schwiegereltern nicht mehr alleine wohnen wollten, bezogen sie eine Etage. Der Keller beherbergte oft Patienten, die Ruhe brauchten oder vorübergehend ein Zuhause suchten. Womit wir bei Projekt Nummer drei wären: dem Tierschutz. Hanna Maria Rethorn hat den Tierschutzverein Gießen mit aufgebaut. Sie war über viele Jahre im Vorstand, seit einigen Jahren ist sie Vorsitzende. Sowohl in ihrer Praxis als auch im Tierheim ist es ihr wichtig, einen rationalen Weg zu gehen und sich nicht von Emotionen hinreißen zu lassen. Ein Tier retten? Ja, aber nicht um jeden Preis. Wenn die Behandlung einer unheilbaren Krankheit für Mensch und Tier nur einen quälenden Aufschub bedeutet, kann die Euthanasie barmherziger sein. Das ist ein schwieriges Terrain, bei dem die Rolle, die das Tier für den Menschen spielt, ganz entscheidend ist.

"Tiere gehören nicht nur zur Familie, für viele einsame Menschen sind sie heute auch die wichtigsten Bezugspersonen", weiß Rethorn.

In der Tiermedizin hat sich viel verändert. In den meisten Praxen sind Ultraschall- und Röntgengeräte Standard, ganz zu schweigen davon, dass in den Kliniken in vielen Fachbereichen ähnlich gearbeitet wird wie in der Humanmedizin. Oft sicher ein Segen. Aber muss man immer alles tun, was machbar ist? Rethorn ist zurückhaltend: "Es kommt sehr auf den Einzelfall an, oft ist eine Überweisung an Experten sinnvoll, aber sicher nicht immer". Ganz bestimmt ein Segen ist es, dass sich die Einstellung zu Tieren gewandelt hat, in den 70er Jahren wäre kaum jemand auf die Idee gekommen, sie als Mitgeschöpfe zu betrachten.

Nun folgt Projekt Nummer vier. Der Ruhestand. Dass der so ruhig nicht wird, weiß jeder, der die 67-Jährige und ihre große Familie kennt. Die Praxis hat ihre Kollegin Christel Hahn übernommen. "Alles hat seine Zeit", sagt Hanna Maria Rethorn. Sie ist selbst gespannt, was die neue Lebensphase bringt. Nicht auszuschließen, dass sie hin und wieder ein armes vierbeiniges Wesen in einer misslichen Situation entdeckt und kurzerhand einpackt.   Christine Steines

Quelle: Gießener Allgemeine

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