Musik im Mathematikum nähert sich der Ewigkeit Heiter, fies und melancholisch

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Regisseur, Dramaturg und Rezitator, mit Preisen geehrter langjähriger Präsident der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste und – Ehrenmitglied der Gießener Hein-Heckroth-Gesellschaft: Auf ihre Einladung hin machte Hermann Beil auf seiner Europa-Tournee Station im Konzertsaal des Rathauses.

Besonders anregend kann es sein, wenn sich diverse Disziplinen wechselseitig befruchten. Dies zeigte sich beim Konzert "Musik und Unendlichkeit" zur Sonderausstellung "Kein Ende in Sicht" am Samstag im Mathematikum. Es musizierten auf hohem Niveau Kantorin Marina Sagorski (Cembalo/Klavier), Katharina Sagorski (Cello) sowie Jörg Reddin (Bariton). Prof. Albrecht Beutelspacher in der Moderatorenrolle lieferte Hintergrundinformationen zu den Werken. Gewiss war das Programm zwischen Barock und Gegenwart, wie er anmerkte, in dieser Form einzigartig. Dabei fing es mit dem Präludium C-Dur aus dem ersten Teil von Johann Sebastian Bachs "Wohltemperiertem Klavier" noch recht gewöhnlich an. Der Strom der Dreiklangsbrechungen bildete den passenden Einstieg. György Ligetis avantgardistische "Musica Ricercata" besteht fast ausschließlich aus dem Ton a; in unterschiedlichen Oktavlagen repetiert, sukzessiv oder simultan gespielt, experimentiert das Stück mit Zeitvorstellungen.

In Mario Castelnuovo-Tedescos Lied "L’infinito" eröffnen sich dem lyrischen Ich beim Betrachten eines kargen Hügels unendlich weite Räume. Marina Sagorski und Jörg Reddin beleuchteten inspiriert die philosophische Ebene dieser impressionistischen Musik. Zusammen mit großformatigen, Unendlichkeit suggerierenden Landschafts- und Himmelsfotos der Ausstellung beflügelte Arvo Pärts Stück "Spiegel im Spiegel" für Cello und Klavier durch das extrem gedehnte Zeitmaß die Fantasie.

Die abwechslungsreiche Zusammenstellung reichte bis zum virtuosen Rondo aus Carl Maria von Webers Klaviersonate C-Dur op. 24, auch bekannt als "Perpetuum mobile". (Foto: jou)

Eng verbandelt mit dem Burgtheater seiner Heimatstadt Wien und tätig an großen Bühnen deutschsprachiger Häuser hat Hermann Beil an vielen Uraufführungen von Werken seines Landsmannes Thomas Bernhard mitgewirkt. Der 77-jährige Theatermann erweist ihm, dem in Österreich zeitweise ungelittenen Dramatiker, zum 30. Todestag die Reverenz mit seiner Lesung aus "Alte Meister. Eine Komödie" (1985). Ehrenvoll auch für die einladende Hein-Heckroth-Gesellschaft, die in Kooperation mit der Kunsthalle die Lesung im Hermann-Levi-Saal des Rathauses möglich machte – und für den Gast, dessen Kompetenz nicht nur fachlich, sondern auch menschlich ist: Beil verzichtete auf ein Honorar.

Ein gebanntes Publikum lauschte am Freitagabend nach der Begrüßung von Kulturamtsleiter Dr. Stefan Neubauer und dem Vorsitzenden der Heckroth-Gesellschaft, Dr. Marcus Kiefer, dem pausenlosen 90-Minuten-Vortrag, der in fließend verknüpften Auszügen Einblick in Bernhards Sprache gibt. "Es ist alles komisch. Genauso wie bei meiner Prosa darf man nie genau wissen: Soll man jetzt hellauf lachen oder nicht? Diese Seiltänzerei ist erst das Vergnügen". Dieses Zitat Bernhards trifft auch auf "Alte Meister" zu, ein Text, der – fast monologhaft mit unendlichen gedanklichen Assoziationsketten – durch spielerisch sich steigernde Variationen etwa um ein Wort ("Staatsopfer, Staatsmenschen" etc.) herum fesselt. Ironisch, sarkastisch, voller Witz und grotesker Übertreibung schwadronieren Thomas Bernhards Erzähler, der Privatgelehrte Atzbacher und der 82-jährige Kritiker Reger, im Wiener Kunsthistorischen Museum über Komponisten, Musik, Literatur, Institutionen, die burgenländischen Nachbarn ("dumm und bescheiden, nur als Sprachrohr brauchbar") und Österreich im Allgemeinen ("Genie und Österreich vertragen sich nicht").

Witz und groteske Übertreibung

Immer wieder ist die Erzählung mit Malerei verwoben, so im Bordone-Saal bzw. im Angesicht von Tintorettos Porträt eines weißbärtigen Mannes. Regers perfektionierte Kunstbetrachtung besteht darin, jedes Bild so lange zu studieren, bis dessen Fehler aufgedeckt sind. "Alte Meister sind widerlich, und trotzdem studiere ich sie ...wir sind von einem Kunstwerk fasziniert und es ist am Ende doch lächerlich", so wird in "Alte Meister" herumgeätzt. Apodiktische, von Ekel durchzogene Wiederholungen, kritische Äußerungen zu Philosophie, Musik und Kunst stehen neben Betrachtungen zur Reinlichkeit österreichischer Toiletten und die Eigenart des deutschen Publikums, sich in Kataloge zu vertiefen. Hinzu kommt Melancholie, wenn Reger von seiner verstorbenen Frau erzählt, die er hier, auf der Bank des Bordone-Saals kennengelernt hatte. Das sind nur einige Schlaglichter auf das letzte Prosawerk des früh verstorbenen Autors.

Für fast 90 Minuten fesselte der freundlich-distinguiert wirkende Herr mit dunklem Anzug und Weste sein Publikum im voll besetzten Saal. Ein Sessel, ein roter Einband und ein Glas Wasser auf dem Boden sowie das projizierte Tintoretto-Bildnis begleiteten als stille Requisiten den ruhig am Pult stehenden Rezitator. Beil führte die aufmerksam mitgehenden Hörer mit wenigen Gesten und feiner Mimik durch die klug gewählten Auszüge. Die modulationsreiche, scheinbar nie ermüdende Stimme stand stets im Zentrum und schenkte genussvolles Zuhören.

Quelle: Gießener Allgemeine

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