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Schöne bunte Unterwasserwelt an der JLU: Im Aquarium herrschen tropische Bedingungen.

Studie der Uni Gießen

Mikroplastik im Meer: Korallen in Not

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Schon jetzt deutet viel darauf hin, dass Korallen durch Mikroplastik in den Meeren geschädigt werden. Das haben Meeresbiologen der Uni Gießen erforscht.

Ein bunter Clownfisch schmiegt sich an eine Seeanemone, ein weiterer "Nemo" ist an einer prächtigen blauen Koralle zu sehen, im wogenden Seegras schwimmen Doktorfische umher. Die Meeresbiologen der JLU haben in großen Aquarien Bedingungen geschaffen, wie man sie in tropischen Gewässern vorfindet. Brandung, Wellen, eine Temperatur von 26 Grad. Ein fantastischer Anblick. Doch was tut sich in der Realität im Ökosystem Ozean? Wie bedroht ist dieser Lebensraum? Das untersuchen die Meeresbiologen der JLU derzeit in unterschiedlichen, lang angelegten Studien. Bei dem "Ocean 2100"-Projekt erforschen Doktoranden des deutsch-kolumbianischen Exzellenzzentrums für Meeresforschung CEMarin (Center of Excellence in Marine Sciences) die Auswirkungen des Klimawandels auf riffbildende Steinkorallen. Dazu werden die Bedingungen im Jahr 2100 in Versuchstanks simuliert, indem verschiedene Parameter wie Temperatur und Säuregehalt des Wassers langsam auf die zu erwartenden Werte eingestellt werden. Während es bei einigen Versuchsanordnungen um die Versauerung der Meere geht, die durch die Anreicherung mit Kohlendioxid verursacht wird, beschäftigt sich Dr. Jessica Reichert mit den Folgen, die Mikroplastik auf Korallen hat. Die junge Wissenschaftlerin und ihre Kollegen stehen dabei noch ganz am Anfang, aber schon jetzt ist klar, dass Mikroplastik ein Stressfaktor ist, der zur Zerstörung der Korallenriffe auf der Erde beiträgt. Versuche haben gezeigt, dass Korallen auf verschiedene Art auf die Plastikpartikel reagieren: Manche verwechseln sie offenbar mit Futter, andere zeigen Abwehrreaktionen und produzieren Schleim. Bei einigen Korallen verlangsamt sich das Wachstum, sie stoßen Algen ab, die sie zur Deckung ihres Energiebedarfs brauchen. In den Versuchsanordnungen werden Korallenteile in das mit Mikroplastik angereicherte Wasser gehängt, wobei die Konzentration des Plastiks variiert. Bereits nach einigen Wochen sind Beeinträchtigungen erkennbar. Das Gewebe bleicht aus, bildet Nekrosen und stirbt schließlich ab. Es gibt aber auch Korallenarten, an denen kaum Schäden sichtbar sind. In weiteren Untersuchungen wird sich nun zeigen, wie die Korallen auf die derzeit in den Meeren vorherrschenden Plastikverunreinigungen reagieren, wie sie auf unterschiedliche Plastikarten reagieren und was dies langfristig bedeutet. "Wir wollen nichts vorweg nehmen und Vermutungen bestätigen, sondern ehrliche Wissenschaft machen", sagt Reichert.

Übrigens machen aktuell nicht nur die Rückstände von Tüten und Plastikflaschen den Korallen zu schaffen. Bis sie alle zu winzigen Teilen zerfallen sind, wird es noch viele Jahre dauern. Heute ist der Abrieb von Autoreifen und Faserrückstände, die durch das Waschen synthetischer Bekleidung entstehen, das Problem. Die Partikel gelangen über Abwässer oder durch den Regen von den Straßen in die Flüsse und später ins Meer. Das Absterben der Korallenriffe hätte weitreichende Folgen, verdeutlicht die Biologin. Die Riffe schützen den Küstenraum als Wellenbrecher vor Erosion und Sturmschäden. Flachen die Riffe ab, leiden die Küsten vermehrt unter den Folgen von Naturkatastrophen. Zudem sind Korallen die Kinderstube für unzählige Fischarten. Wenn das sensible Ökosystem eines Korallenriffs aus dem Gleichgewicht gerät, verringert sich die Artenvielfalt und damit der Fischreichtum. Nicht zuletzt schade diese Entwicklung auch dem (Tauch)tourismus, auf den viele tausend Menschen in tropischen Ländern angewiesen seien.

Die Verunreinigung mit Mikroplastik darf nicht isoliert von anderen Stressoren gesehen werden, denn das wohl größte Übel ist die globale Erwärmung. Die Weltmeere nehmen CO2 auf, was unter anderem kalklösend wirkt und somit katastrophale Folgen für Korallen oder Muscheln hat. Auch hierzu forschen die Gießener Meeresbiologen.

Einfache Lösungen für dieses vielschichtige Problem wird es nicht geben und schnelle schon gar nicht. "Aber wir wünschen uns, dass sich möglichst viele Menschen die Zusammenhänge klar machen".

Quelle: Gießener Allgemeine

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