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Holt den kompletten Olymp auf die Bühne: Michael Quast. (Foto: Wolfgang Runke)

Michael Quast zelebriert "Orpheus in der Unterwelt"

Jacques Offenbach hat mit der Operette "Orpheus in der Unterwelt" nicht nur die antike Liebesgeschichte persifliert, sondern mit dem "Höllen-Cancan" auch Gassenhauer geschrieben. Michael Quast liefert von all dem bei seinem Auftritt im Stadttheater Gießen eine ganz eigene Version.

Sein Name ist Programm. Wenn der Frankfurter Michael Quast ein Gastspiel gibt, dann darf man sich freuen auf Humor mit Tiefgang, auf fulminantes Kabarett und ergötzlichen Gesang. Vor ausverkauftem Haus spielte und sang er am Sonntagabend im Stadttheater. Mit sichtlichem Vergnügen begleitete ihn Rhodri Britton am Flügel, der auch gesangliche Einlagen zum Besten gab. Nach der Mozart-Oper "Don Giovanni à trois" vor zwei Jahren hatte Quast nun eine seiner Offenbach-Operettenversionen nach Gießen mitgebracht: die Geschichte des Sängers Orpheus, der versucht seine verstorbene Ehefrau Eurydike kraft seines Gesangs aus der Unterwelt zurück auf die Erde zu holen.

Diese antike griechische Sage ist in zahlreichen Variationen nacherzählt, gesungen und getanzt worden. Offenbach hat sie mithilfe der Librettisten Hector Crémieux und Ludovic Halévy 1858 in Paris zu einem Riesenerfolg mit Gassenhauerqualitäten gemacht. Der Text ist eine erstaunliche Parodie auf die damaligen politischen Verhältnisse, die Doppelmoral der Gesellschaft und die Gattung der Oper.

Quast hat diese Parodie gemeinsam mit dem auf hessische Texte spezialisierten Autor Rainer Dachselt um einige Facetten aktualisiert. So herrlich frisch und spritzig kommt dieses mehr als 150 Jahre alte Musikstück daher, dass man’s kaum fassen kann. Und Quast ist unglaublich. Beim Schauspielern scheut er vor keiner Grimasse zurück, er singt mit Inbrunst durch alle Tonlagen, spielt als Orpheus auch mal Geige und wimmert dabei zugleich erbarmungsvoll als Eurydike, dass er endlich aufhören möge. Quast spielt ohne Kostüm sämtliche Rollen des Stücks und das sind neben den beiden Hauptrollen eine ganze Menge: der um das Image der Firma Olymp und um persönliche Autorität ringende Götterchef Jupiter, seine ständig zeternde Ehefrau Juno, der aufmüpfige Jungspund Cupido, der "kleinkriminelle" Chef der Unterwelt namens Pluto und weitere. Herrlich auch die Darstellung der öffentlichen Meinung als zwei Personen: das Feuilleton und der Boulevard. Die beiden schenken sich nichts im Streit um die Deutungshoheit, sind jedoch in einem einig: Orpheus muss trauern um den Verlust seiner Frau und er muss versuchen sie zurückzuholen, unabhängig davon, dass die Ehe schon gescheitert war.

Zugleich ist Quast der Erzähler, der uns Zuschauende durch die Wirren des Stücks führt, und er ist der Inspizient, der durch’s Mikrofon die Anweisungen für die Hinterbühne gibt. Mit breiter Brust und geöffneten Armen gibt er den Chor, mit sichtlicher Freude am Gesumse den Chefgott als Fliege. Ach ja, und Cancan tanzt er auch noch, allerdings wegen Sparmaßnahmen nur mit den Fingern in einem kleinen Papiertheater. Selbst beim nicht enden wollenden Schlussapplaus halten die beiden ihre Rollen durch. Quast bittet seine Sangeskollegen vorzutreten und Britton fordert Orchester und Chor zum Verbeugen auf. So viele Menschen auf der Bühne, so wenig Aufwand. Da sind Meister ihres Fachs am Werk. Wer’s verpasst hat, der kann Quast auf seiner "Fliegenden Volksbühne" in Frankfurt besuchen. Dagmar Klein

Quelle: Gießener Allgemeine

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