1. Wetterauer Zeitung
  2. Stadt Gießen

Bar Menachems Kopf in Bronze verewigt

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Gießen (vo). Es war gleich ein doppeltes Novum: Als erster Gießener Ehrenbürger wurde Dr. Avraham Bar Menachem 100 Jahre alt, und zum ersten Mal gab es eine Feier per Videokonferenz. So konnte er von Israel aus das Geburtstagsfest in seiner Geburtsstadt miterleben, während die Gäste ihn auf der Leinwand sahen.

Die Gratulanten waren im Netanya-Saal des Alten Schlosses zusammengekommen, der nach der israelischen Stadt benannt ist. Als deren Oberbürgermeister hatte der zu Anfang der Nazizeit aus Deutschland emigrierte Jubilar die Städtepartnerschaft mit Gießen mitbegründet.

Viele der Anwesenden kannten den als Alfred Gutsmuth in Wieseck geborenen Avraham Bar Menachem persönlich und brachten sowohl große Hochachtung als auch herzliche Zuneigung zum Ausdruck. Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz dankte ihm im Namen der Stadt und sagte: »Sie sind ein Segen: Für Gießen, für Netanya und für die Welt.« Er habe das fast Undenkbare geschafft, nach der Barbarei nicht dem Hass zu erliegen, sondern die Hand zur Versöhnung und zu friedlichem Zusammenleben zu reichen. Daran solle die von der Berliner Künstlerin Bärbel Dieckmann geschaffene Büste erinnern. Das Portrait solle seinen dauerhaften Platz am Eingang des Netanya-Saals finden.

Als Jahrhundertgestalt habe sich Bar Menachem um Völkerfreundschaft, Aussöhnung und Frieden verdient gemacht, erklärte Ministerpräsident Volker Bouffier, der in einer Videobotschaft »Grüße aller Hessen« übermittelte. Deshalb verleihe er ihm den Hessischen Verdienstorden, der von der deutschen Botschaft überreicht werde. Bouffier gratulierte aber auch persönlich mit den Worten: »Ich habe dir viel zu verdanken, vor allem eine tiefe Freundschaft.«

Der israelische Generalkonsul Tibor Shalev Schlosser ließ eine schriftliche Gratulation verlesen, in der er »Mazel tov – bis 120« wünschte. Dr. Gabriel Nick, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Gießen, gratulierte in hebräischer Sprache. Namens der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Gießen-Wetzlar versprach Pfarrer Cornelius Mann, nach einem jüdischen Brauch 101 Bäume pflanzen zu lassen als Zeichen, dass »weiter wachsen möge, was Sie geschaffen haben.« Marion Balser übermittelte vom Partnerschaftsverein Gießen- Netanya »beste Wünsche für Sie, Ihre Familie und das ganze jüdische Volk.«

Bis dahin hatte der Jubilar, zwischen Blumensträußen und neben dem Bild seiner kürzlich verstorbenen Frau sitzend, kaum merklich reagiert. Nach den Grußworten entstand eine Pause, während die Gäste auf eine Antwort warteten. Als jemand im Raum ihn darauf aufmerksam machte, entgegnete Bar Menachem, er wolle erst nachdenken, bevor er etwas sage. Dann dankte er mit klarer und fester Stimme den Feiernden in der Ferne für die Glückwünsche: Sein Heimatdorf Wieseck bleibe der Platz, wo er seine Jugend- und Erziehungsjahre erlebt habe. Sein Schicksal sei zur Hitlerzeit keine Ausnahme gewesen, und das könne er trotz neuer Verbundenheit zu der Stadt Gießen nicht vergessen. Er freue sich sehr auf den von Grabe-Bolz angekündigten Besuch am 3. Juni in Netanya.

Musikalisch gestaltet wurde die Feier am Flügel von Noam Morad und Eric Erenberg, und Kinder der Jüdischen Gemeinde Gießen sangen ein Geburtstagslied.

In einer Erklärung der Universität Gießen wurde daran erinnert, dass Bar Menachem sich dafür eingesetzt habe, einen von der Universität verliehenen Preis für hervorragende Leistungen in der Lehre nach seinem Lehrer Wolfgang Mittermaier, Professor für Strafrecht in Gießen in den Jahren 1903 bis 1933, zu benennen. Mittermaier hatte sich mutig gegen den nationalsozialistischen Druck für seine Studierenden jüdischer Abstammung eingesetzt und auch Bar Menachems Promotion in Gießen ermöglicht.

Auch interessant

Kommentare