"Mein Leben": Lesung zum Holocaust-Gedenktag

Mirjam Sommer und Roman Kurtz tragen im TiL einige Kapitel aus den aufschlussreichen Memoiren von Marcel Reich-Ranicki vor.

Es gibt nur wenige, die den Holocaust überlebt und als Zeitzeugen darüber ein fesselndes Buch geschrieben haben. Inge Deutschkron ist eine von ihnen, deren Biografie zurzeit als Stück "Ab heute heißt du Sara" am Stadttheater mit starkem Publikumszuspruch gezeigt wird. Ein anderer ist der im letzten Jahr verstorbene Kritiker Marcel Reich-Ranicki, der 1999 höchst ansprechend "Mein Leben" notierte, inzwischen Pflichtlektüre an den Schulen.

Zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar wählte nun Schauspieldirektor Matthias Schubert kenntnisreich und klug einige Kapitel aus Reich-Ranickis Erinnerungen aus, die die Ensemblemitglieder Mirjam Sommer – sie steht als Sara auf der Bühne – und Roman Kurtz – er verkörpert in der gleichen Produktion den Judenretter Otto Weidt – in einer Lesung im TiL wechselseitig vortrugen.

Ein paar einführende Worte wären sicher sinnvoll gewesen. So gehen die beiden Schauspieler auf nackter Bühne, die nur ein Plakat des bekannten Autors ziert, an ihren separaten Tischen gleich in medias res. Sie berichten von der Übersiedlung der Familie aus finanziellen Gründen von Polen nach Berlin, von Marcels Schulzeit auf dem Gymnasium in Schöneberg, von der Deportation am 28. Oktober 1938 nach Breslau, von der angsteinflößenden Zeit im Getto und der gelungenen Flucht 1943 mit seiner jungen Frau Teofila, genannt Tosia.

"Was sind sie denn eigentlich?", hat der Schriftsteller Günter Grass den aufstrebenden Literaturkritiker einmal bei einem Treffen der legendären Gruppe 47 gefragt. Und dieser antwortete etwas zögerlich: "Ein halber Deutscher, ein halber Pole und ein ganzer Jude." Obwohl der Glaube für ihn nach eigener Aussage nie eine Rolle spielte. Dafür aber die Literatur und das Theater. Als Zwölfjähriger besucht er eine Vorstellung von "Wilhelm Tell" in Berlin, seitdem lässt ihn Schiller nie mehr los.

Die ausgewählten Seiten spüren intelligent der Leidenschaft Reich-Ranickis nach, der Bücher geradezu verschlingt und das Lesen später zu seinem Beruf macht. Beim ausgewogenen Vortrag darf durchaus mal geschmunzelt werden, wobei es Kurtz mit seiner sonoren Stimme und seiner Erfahrung sofort gelingt, die etwa fünfzig Zuhörer in den Bann zu ziehen. Sommer hat da schon eher Probleme, verspricht sie sich beim Lesen doch allzu oft. Nur einmal, ganz am Ende der aufschlussreichen 80 Minuten, sprechen die beiden im Dialog, als das Ehepaar Reich-Ranicki mit Sanftmut auf seine 60-jährige Beziehung zurückblickt – mit dem Schicksal versöhnt.

Marion Schwarzmann

Quelle: Gießener Allgemeine

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