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Auf die Schnelle eingesprungen: Gastdirigent Florian Ludwig.

Mahler macht’s möglich

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Groß sind die Namen der Komponisten. Ebenso groß ist das Orchester auf der Bühne. Das Sinfoniekonzert im Stadttheater hat es in sich. Gastdirigent Florian Ludwig meistert die Aufgabe mit Bravour.

Dicht an dicht sitzen die Streicher. Die ebenfalls zahlenmäßig aufgestockten Bläser rücken zurück. Sie werden erst weit hinten von den Schlagwerkern umgrenzt. 35 Gastmusiker verstärken das Philharmonische Orchester Gießen beim Sinfoniekonzert im Großen Haus des Stadttheaters und sorgen für einen imposanten Klang - Mahler macht’s möglich. Ein umfangreiches Ensemble (unter anderem sechs Hörner und vier Flöten) verlangen die fünf Sätze seiner fünften Sinfonie, 70 Minuten sind dafür nach der Pause nötig. Am Pult steht als Gastdirigent der 49-jährige Florian Ludwig. Der aus privaten Gründen verhinderte Generalmusikdirektor Michael Hofstetter hat das Programm zusammengestellt, das sich am Dienstag dem Wiener Fin de Siècle widmet.

Aufs große Orchester setzt auch Anton Webern in seiner sinfonischen Dichtung "Im Sommerwind", die ein Gedicht von Bruno Wille musikalisch interpretiert. Stadttheater-Schauspielerin Carolin Weber rezitiert vorab die romantischen Reime und verleiht ihnen mehr Spannung und Ausdruck, als sie beim bloßen Lesen erfahren. Webern taucht danach mit seinem schwelgerischen "Sommerwind" ein in die Natur. Mehr als ein laues Lüftchen gelingt ihm allerdings in diesem Jugendwerk nicht. Das Orchester musiziert gleichwohl unter Ludwigs Dirigat konzentriert und gut abgestimmt.

Den Auftakt bildet Walzerkönig Johann Strauß mit seinen "Geschichten aus dem Wienerwald". In Form von fünf Walzern und mit einer Zither als Solo-Instrument küsst hier die leichte Muse den Abend. Das Orchester spendiert dem Dreivierteltakt Feingefühl. Dennoch wirkt der erste Teil des Konzerts wie ein Vorprogramm, das in luftigen 40 Minuten einstimmen soll auf den Höhepunkt: Mahlers Fünfte. Ludwig, der sich auch am Mikrofon als guter Unterhalter entpuppt, moderiert das Werk mit seinem politischen Fazit zur Europawahl an: "Lassen Sie uns auf eine Musik hören, die vereint, statt zu spalten." Mahler unterstreicht schon mit seinem Trauermarsch zu Beginn: Jetzt wird es Ernst. Doch die Uraufführung 1904 war kein großer Erfolg und der Komponist schrieb die Sinfonie bis zu seinem Tod 1911 immer wieder um.

Mahler wechselt in der Fünften die Tonarten wie andere Leute die TV-Programme, schlägt weite Bögen bis zum Firmament und lässt so die Partitur aufblühen. Ludwig führt das Orchester mit ausladenden Bewegungen, wirft den Musikern die Einsätze zu, die alles akkurat umsetzen, was der Dirigent ihnen abverlangt. Die Stimmführer der einzelnen Instrumentengruppen glänzen in ihren Soli. Ein Hochgenuss. Der dritte Satz, ein Scherzo, widmet sich einem munteren Dreiertakt. Das nur von Streichern und Harfe gespielte Adagietto, welches der Komponist angeblich als Liebeslied für seine Frau Alma schrieb und das durch Viscontis Film "Tod in Venedig" in den 1970er Jahren populär wurde, bringt Ruhe ins Geschehen, ehe es im Finale, wie von Ludwig versprochen, laut wird. Und schnell. Dem bombastischen Schluss im Tutti gönnt der Dirigent ein Lächeln. Es mündet in minutenlangem Beifall des begeisterten Publikums.

Quelle: Gießener Allgemeine

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