Literarisches Scharmützel unter den Marktlauben

Amüsante deutsch-österreichische Begegnung mit den Schauspielern Christian Lugerth und Harald Pfeiffer bei "Eine(r) liest".

"Grüß Gott" und "Habe die Ehre" – literarisch begegneten sich am Sonntag Deutschland und das Nachbarland Österreich bei "Eine(r) liest". Unter den Marktlauben, jenseits der Büchertische, traten die Schauspieler Christian Lugerth und Harald Pfeiffer, beide bekannt vom Gießener Stadttheater, zu einem Rededuell an. Das Kaiserwetter warf dabei bereits die erste ins Zentrum der Auseinandersetzung treffende Frage auf: Geht es, begrifflich gesehen, auf den deutschen Kaiser oder auf den österreichischen Franz Josef zurück? Diese Frage zumindest blieb ungeklärt.

"Gute Autoren sind deutsche Autoren", die Schlagzeile, die zu hören war, als Österreich Gastland bei der Frankfurter Buchmesse war, leitete das Rededuell ein. Als Parade wurde Karl Kraus’ Bemerkung, "Deutschland und Österreich unterscheiden sich durch die deutsche Sprache", ins Feld geführt. Gemeinsamkeiten, von einigen sprachlichen Eigenheiten abgesehen, sind nicht zu leugnen. Heiter und unterhaltsam ließen Lugerth und Pfeiffer Autoren beider Länder zu Wort kommen und machten deutlich, dass es durchaus Unterschiede gibt.

Beim "Grenzübertritt" Ödön von Horváths etwa kam dies plastisch zum Ausdruck. Während die Kleinstädter sich mit sämtlichen Papieren bis zum Taufschein bestens ausgerüstet auf den Urlaub ins Nachbarland aufmachen, hat ein österreichischer Lastwagenfahrer eine tödliche Karambolage, der er, selbst unbeschadet, noch positive Seiten abgewinnen kann. Während Franz Grillparzer mahnt, Österreich "leih nicht dem Schmeicheln dein Ohr", verkünden Johann Wolfgangs Goethes Worte: "Über allen Gipfeln ist Ruh!" Dennoch ist längst klar, dass die Alpenrepublik weit mehr ist als "deutschsprachige Provinz".

"Sprechen Du Deutsch", kontert Ernst Jandl in seinem Essay "Länderspiel" und hörbar wird das "Deutsch als Kunstsprach" des österreichischen Autors. Genüsslich zelebrieren die beiden Schauspieler die Sprachakrobatik des Jandelschen Dialogs, eines Österreichers (Pfeiffer) und eines Deutschen (Lugerth), und finden noch ein weiteres gemeinsames Thema: den Fußball.

Die Liebe ist ein Gegenstand, der sich verbindend im Allgemeinen und trennend im Detail, in der Literatur hier wie dort niedergeschlagen hat. Das machen Lugerth und Pfeiffer hörbar in den zweifelnden, leidenden Worten des Sturm-und-Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz in dessen Briefen an Johann Wolfgang von Goethe. Dem gegenüber veranlassen die Gefühlsregungen Wolfgang Amadeus Mozart zu heiteren und deftigen Gedankenspielen, wie aus seinen Bäsle-Briefen überliefert.

Ganz klar ist der Unterschied auch im Politischen. Als typisch deutsch gilt hier, das ist seit Loriot bekannt, "viel, aber nichts sagen". Mit dem Quietscheentchen aus Loriots köstlich in Szene gesetztem Badewannendialog fliegen alsbald unter den Arkaden Thomas Bernhards Worte denen Richard Wagners um die Ohren, bis schließlich Helmut Qualtinger meint: "Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben." Die, in einem Qualtinger- Text alternden Schauspieler verdichten schließlich die deutsch-österreichische Auseinandersetzung auf die Frage: "In die Berge oder an das Meer?" Ein musikalischer Leckerbissen sind Lugerth als Wolfgang Ambros und Pfeiffer als Freddy Quinn nicht, zu einem amüsanten und unterhaltsamen Ohrenschmaus machten sie das literarische Scharmützel ohne Zweifel.

Schade, dass sich die zahlreichen Zuhörer unter den Marktlauben ob der dort parkenden Autos drängeln mussten. Doch selbst unvermittelt schrill aufheulende Alarmanlagen konnten den literarischen Hörgenuss nicht trüben. Doris Wirkner

Quelle: Gießener Allgemeine

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