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Die Lippen und den Mund benetzen, so geht das. Dr. Sabine Burger (r.) zeigt mithilfe von Stefanie Wolf (l.) und Marion Lücke-Schmidt, wie Angehörige Sterbenden Linderung verschaffen können.

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Hospizverein in Gießen: "Letzte Hilfe" vor dem Tod lernen

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So wie die "Erste Hilfe" lebensnotwendig für Verletzte und Kranke ist, soll die "Letzte Hilfe" Menschen in ihrer Sterbephase begleiten. Doch wie sehen Bedürfnisse vor dem Tod genau aus?

Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen. Die Volksweisheit stimmt oft, aber nicht immer. "In der Sterbephase ist das anders. Wenn Leib und Seele sich trennen, empfinden die Menschen meist weder Hunger noch Durst, das ist normal", sagt Dr. Sabine Burger. Die Ärztin ist eine der Referenten bei dem Kurs "Letzte Hilfe" des Hospizvereins. Deshalb ist es auch unangebracht, Menschen auf dem Sterbebett zum Trinken zu animieren. "Man muss dann nicht mehr zwei Liter am Tag zu sich nehmen", ergänzt auch Marion Lücke-Schmidt, Koordinatorin beim Hospizverein. Hilfreich sei es aber, den Mund mit Flüssigkeit zu benetzen, sagt Burger. Das könne Kaffee, Rotwein oder Saft sein, je nach dem, was der Sterbende als angenehm empfindet. Meist wolle er nur Wasser gegen die trockene Schleimhaut. Wie man einem Sterbenden mit einem Schwämmchen die Lippen und den Mund tupft, kann man in dem geplanten Kurs lernen. Angehörige seien oft froh, wenn sie etwas tun könnten, weiß die Ärztin. Gleichzeitig fühlten sie sich unsicher und befürchteten, die Bedürfnisse nicht richtig einzuschätzen. Burger und ihr Kollege Dr. Winfried Hoerster werden solche und ähnliche Fragen mit den Interessenten besprechen. "Sterben als ein Teil des Lebens", heißt ein Modul des Vortrags. Weitere Teile sind "Vorsorgen und Entscheiden", "Leiden lindern", und "Abschied nehmen". Wunsch der Referenten ist es, mit den Gästen ins Gespräch zu kommen und ihnen auch praktische Hilfestellung zu geben. Die Auftaktveranstaltung am 23. September im Rathaus wird in einem großen Rahmen stattfinden, die folgenden Termine im kommenden Jahr werden im kleinen Kreis mit etwa 20 Teilnehmern organisiert, der Gespräche und Interaktivität zulässt.

"Letzte Hilfe" vor dem Tod lernen: Idee stammt aus Dänemark

Die "Letzte Hilfe", schildert Stefanie Wolf, ebenfalls Koordinatorin beim Hospizverein, geht auf eine Idee des Arztes Georg Bolling zurück, sie wird seit 2014 in Dänemark angeboten und seit 2015 auch in Deutschland. Sie ist ein weiterer Baustein in der Hospizarbeit. Deren zentrales Anliegen ist es, die Würde schwerstkranker und sterbender Menschen zu wahren. Ambulante und stationäre Hospizangebote tragen dazu bei, den letzten Weg eines Menschen so zu begleiten, wie er selbst sich das wünscht. Selbstbestimmung bis zum Schluss ist häufig schwierig: Eng getaktete Dienstpläne in Altenpflegeheimen und Krankenhäusern, Hightech-Medizin in Kliniken und der Wandel der häuslichen Situation aufgrund veränderter Familienstrukturen sind Gründe dafür.

Seit einigen Jahren gibt es einen Wandel - dank der Hospizbewegung und des 2015 verabschiedeten Hospizgesetzes. Jeder Bürger hat Anspruch auf eine Palliativversorgung. Das bedeutet, dass der Hausarzt für Patienten, bei denen keine Aussicht auf Heilung besteht, eine palliative Begleitung verordnen kann. Diese ist im Pflegeheim, im Krankenhaus und zu Hause möglich. Das am UKGM angesiedelte SAPV-Team, dem auch Sabine Burger angehört, genießt einen ausgezeichneten Ruf und wird von Patienten und Angehörigen als großer Segen empfunden. "Wir haben ein sehr gutes Hilfesystem, das Problem ist, dass zu wenig Menschen darüber Bescheid wissen", sagt Erwin Kuhn, der Vorsitzende des Hospizvereins.

Quelle: Gießener Allgemeine

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