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Leben nach der Flut

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Von: Sophie Röder

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smf_Hausprojekt1_220422_4c_1 © Sophie Mahr

»Die Menschen im Ahrtal dürfen wir auch nicht vergessen«, mahnt Petra Bröckmann. Aktuell gibt es vieles, das bewegt: der Krieg in der Ukraine, hohe Corona-Inzidenzen, steigende Energiepreise, die Inflation. Gleichzeitig rücke für viele die Flutkatastrophe im Ahrtal in den Hintergrund. Doch auch dort herrscht noch Ausnahmezustand. Daher macht Bröckmann auf die Aktion »Fünf-Euro-Haus« aufmerksam.

Neun Monate ist es her, dass die Flutkatastrophe über das Ahrtal hereingebrochen ist. »Viele in Hessen hören nichts mehr über das Ahrtal. Die meisten denken, dort gibt es Hilfen, und es ist alles wieder in Butter. Doch dem ist nicht so«, sagt Petra Bröckmann aus Wieseck, Präsidentin des deutsch-amerikanischen Klubs »Die Brücke Gießen-Wetzlar«. Im Februar war Bröckmann zusammen mit ihrem Mann im Ahrtal, um eine Spende zu übergeben und die Menschen vor Ort persönlich kennenzulernen.

»In vielen Ortschaften sieht es immer noch schlimm aus. Die Infrastruktur ist noch lange nicht wiederhergestellt. Behelfsbrücken und teilweise unbefestigte Straßen verbinden die Ortsteile. Die meisten Wohnhäuser sind noch nicht bewohnbar, die Menschen wohnen bei Freunden und Verwandten oder in Wohncontainern«, schildert Bröckmann ihre Eindrücke. »Überall in den Ortschaften stehen Versorgungszelte am Straßenrand, wo Menschen essen oder Kinder spielen oder einen Kindergeburtstag feiern können, weil es zu Hause nicht geht, oder ihr Zuhause nicht mehr existiert.«

Das Gesehene habe einen bleibenden Eindruck hinterlassen sowie den Wunsch, weiterhin zu helfen. »Durch Plakate bin ich auf ein anderes Hilfsprojekt aufmerksam geworden ›Das Fünf-Euro-Haus‹ «, sagt Bröckmann. »Initiator des Projektes ist der Stuttgarter Jörg Burghardt.« Jeder Spender kann sich aussuchen, welches Projekt er oder sie mit einem monatlichen Betrag von fünf Euro per Dauerauftrag direkt auf das Konto der Hausbesitzer unterstützen möchte. »Fünf Euro monatlich tun den wenigsten weh, aber den Betroffenen hilft das enorm«, sagt Bröckmann. »Mit der Unterstützung am Projekt ›Fünf-Euro-Haus‹ gibt man den Menschen etwas finanzielle Sicherheit und die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr in ihr Haus.«

Klub unterstützt Hebamme im Ahrtal

Bröckmann sowie Freunde und Mitglieder des deutsch-amerikanischen Klubs haben sich für das Haus der alleinerziehenden Mutter und Hebamme Andrea Mausberg in Ahrweiler entschieden. »Eine Frau wie sie, die als Hebamme vielen Kindern geholfen hat, gesund das Licht der Welt zu erblicken, benötigt nun unser aller Hilfe, um wieder Licht am Ende des Tunnels zu sehen.«

Mausberg hatte zusammen mit ihrer 13-jährigen Tochter in einem Fachwerkhaus in der Altstadt gewohnt, das in der fünften Generation in Familienbesitz ist. Darin hatte sie auch ihre Hebammenpraxis. »Bis das Wasser kam. Danach musste, wie auch bei anderen Menschen, alles weggeworfen, Schlamm gekehrt und das Haus entkernt werden«, berichtet Bröckmann, die Mausberg Mitte April besucht hat.

Direkt nach der Katastrophe ist Mausberg mit ihrer Tochter Alexandra bei ihrer Schwester untergekommen. »Die ganze Familie konnte beisammen bleiben und mit vier verschiedenen Parteien dort gemeinsam wohnen, was ein großes Glück war. Auch wenn die räumliche Enge und die Improvisationen eine Herausforderung darstellten«, erzählt Mausberg.

Danach ist sie mit ihrer Tochter in einer Wohnung der Nachbarn untergekommen, doch diese Wohnmöglichkeit war bis zum 1. April befristet. Seitdem wohnen die beiden in einem Wohncontainer. »Es ist zwar wie eine riesige Blechdose, doch viel schöner, als es sich anhört. Wir sind sehr froh, diese Möglichkeit zu haben«, sagt Mausberg.

Neues Gutachten und Baumaterial

Obwohl sie seit Wochen und Monaten mit den Arbeiten rund um das Haus beschäftigt ist, ist sie sich sicher: »Es wird noch lange dauern«, bis das Haus bewohnbar ist und sie arbeiten kann. »Es ist wie ein Marathon, auf den man nicht vorbereitet war. Man dachte, es ist ein 800-Meter-Lauf. Alles zieht sich in die Länge.«

Eine Messung im Januar habe ergeben, dass das Haus noch fast genauso nass sei, wie direkt nach der Flut. Zudem warte sie auf die Ergebnisse eines weiteren Gutachtens, um staatliche Hilfe beantragen zu können. »Auch in der teils ausweglos erscheinenden Situation der Menschen im Ahrtal, muss die bürokratische Hürde genommen werden«, sagt Bröckmann.

Ein weiteres Problem liege darin, an Baumaterialien zu kommen, sagt Mausberg. Doch trotz aller Schwierigkeiten und der vielen Arbeit, die noch vor ihr liegt, versucht sie, optimistisch zu sein. Gleichzeitig fühle sie sich wie in einer Parallelwelt. »Die Auswirkungen der Flut sind für uns die neue Normalität. Hier ist nichts wie vorher und das wird es auch nicht mehr. Nicht nur die Häuser, auch die Vegetation, das braucht alles Zeit, um sich zu erholen.«

Schwer zu verstehen, sei es für sie, wenn Leute ins Ahrtal kämen, um zu schauen. Katastrophen-Tourismus, nennt sie es. Manchmal kämen Leute ungefragt in ihr Haus, um es anzusehen, während sie arbeitet. Umso dankbarer sei sie für die vielen Menschen, die nach der Flut kamen, um zu helfen.

Im Rahmen des Projektes steht Mausberg auch Patin Sandra zur Seite, eine ehemalige Patientin. »Die Paten koordinieren die Spender und schicken regelmäßige Informationen über den Fortschritt der Arbeiten im Haus an sie«, sagt Bröckmann. Nicht immer gelinge es Mausberg, optimistisch nach vorne zu schauen, »aber dann blicke ich auf die Briefe, die wir zu Weihnachten bekommen haben und auf die Liste mit den Namen, die uns mit dem Fünf-Euro-Haus unterstützen. Das gibt Kraft.«

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smf_Hausprojekt_Praxisra_4c © Sophie Mahr
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smf_Hausprojekt_Wohnzimm_4c © Sophie Mahr

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