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Kritik an Bibliothek-Schließungen in Gießen - „Wärmeorte“ in der Diskussion

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Von: Marc Schäfer

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Die Uni Gießen schränkt die Öffnungszeiten der Bibliotheken massiv ein, um Energie und Kosten zu sparen. Dies sorgt für Kritik.

Gießen - Die Universitätsbibliothek (UB) in Gießen schließt ab 1. Oktober täglich schon um 21 Uhr statt um 23 Uhr. Samstags und sonntags öffnet sie erst um 9 statt um 7.30 Uhr. Und die Zweigbibliothek im Philosophikum II zum Beispiel bleibt samstags und sonntags ab sofort komplett geschlossen. Das geht aus einem Aushang hervor, den die Justus-Liebig-Universität (JLU) mittlerweile an den verschiedenen Bibliotheksstandorten angebracht hat. Angekündigt waren reduzierte Öffnungszeiten der JLU-Bibliotheken zur »effizienten Senkung des Energieverbrauchs« schon seit einigen Wochen. Nun ist aber erst klar geworden, welches Ausmaß diese Einschränkungen haben.

Zusammengerechnet stehen den Studierenden die fünf Standorte - UB sowie die Zweigbibliotheken Recht und Wirtschaft, Phil II, Natur- und Lebenswissenschaften und Zeughaus - ab 1. Oktober in der Woche 120 Stunden weniger zur Verfügung als zuvor. Bei allem Verständnis für die Notwendigkeit, den Energieverbrauch zu reduzierten, stößt diese Entscheidung unter anderem beim Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) der JLU auf Kritik. »Klar ist, dass Energie gespart werden muss und sich sowohl Individualverbraucher als auch große Einrichtungen wie die JLU einschränken müssen«, stellt Kira Herbert, Koordinationsreferentin im AStA, fest. Aber: »Statt den Studierenden mehr beheizte Lernräume zur Verfügung zu stellen, werden Bibliotheken geschlossen. Das verlagert die Energiekosten auf Studierende«, betont Habib Yasar, Referent für Wohnen und Soziales.

Uni Gießen: AStA will längere Öffnungszeiten für Bibliotheken

Nach Untersuchungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbands lebten bereits vor der Energiekrise etwa 30 Prozent der Studierenden in Armut, heißt es in einer Mitteilung des AStA. Für die Studierendenschaft potenziere sich nun durch die steigenden Energiepreise und die Inflation das Armutsrisiko. »Viele Studierende haben existenzielle Nöte und wissen nicht, wie sie die hohen Mehrkosten tragen sollen«, berichtet Yasar. Auch die Effektivität der Bibliotheksschließungen stellt er infrage: »Wenn Studierende nun vereinzelt zu Hause ihre Wohnungen beheizen müssen, statt in der Uni zu lernen, ist das für die Versorgungssicherheit der Region kontraproduktiv.«

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Die Drehtüren der Universitätsbibliothek werden ab 1. Oktober schon um 21 Uhr geschlossen. © Marc Schäfer

Gerade Studenten, die ihr Studium über Nebenjobs finanzieren müssten, stellten die Einschränkungen der Öffnungszeiten vor erhebliche Probleme. »Denn viele Studierende sind darauf angewiesen, am Wochenende zu lernen und die Bibliotheken zu nutzen«, betont Yasar. Der AStA fordert die Hochschulleitung deshalb auf, die Änderungen der Bibliotheksöffnungszeiten zurückzunehmen und zusätzliche warme Lernräume zur Verfügung zu stellen. Zudem soll die Hochschule durch Prüfungserleichterungen und Nachteilsausgleiche der besonders prekären Situation der Studierenden im kommenden Semester Rechnung tragen.

»Wir weisen darauf hin, dass wir bei all unseren Energiesparmaßnahmen flexibel auf die jeweilige Lage reagieren und gegebenenfalls nachsteuern werden«, sagt JLU-Sprecherin Lisa Dittrich. Es werde Mitte der Woche ein Update zu den Entscheidungen des Krisenstabs geben. »Dabei wird es nach Gesprächen mit dem AStA auch um sogenannte Wärmeorte für Studierende auf dem Campus gehen. Inwiefern dieses Thema mit den Bibliotheksöffnungszeiten verzahnt werden kann, wird auch im Krisenstab diskutiert werden«, sagt Dittrich.

Studenten in Gießen: Auf Wochenende angewiesen - Doch Einrichtungen bleiben zu

Dass die JLU »die Hochschulgebäude nur von Montag bis Donnerstag auf die vorgegebenen 19 Grad beheizen« möchte, kritisiert der AStA ebenfalls. Für den so geschaffenen »digitalen Freitag« fehle außerdem jede Strategie für die Lehre. Es werde zu »Heftpflasterlösungen« kommen, unter der die Qualität der Lehre leiden werde, sagt die Referentin für Digitalisierung, Studium und Lehre, Jenny Jörges. Bei 16 Grad Präsenzveranstaltungen stattfinden zu lassen, hält der AStA ebenfalls für keine Alternative.

In besonderer Verantwortung sieht der AStA neben der Universität auch das Land. Bei einem Blick auf den energetischen Zustand der JLU werde deutlich, wie groß der Sanierungsstau sei. »Ohne staatliche Hilfen werden die kommenden Winter für Studierende, Hochschulen und Studierendenwerke zum Desaster«, betont Henning Tauche, Referent für Hochschulpolitik.

Auch Lehrende haben die Energiesparmaßnahmen der JLU zuletzt immer wieder bemängelt. Nach Hackerangriff und Corona-Pandemie werde schon wieder eine Krise auf dem Rücken der Studenten ausgetragen, hieß es hinter vorgehaltener Hand. (Marc Schäfer)

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