Der Krieg ist nicht zu Ende

  • VonDoris Wirkner
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»Jeder Mensch braucht äußerliche Stärkung, um seelisch und körperlich Gleichgewicht zu erreichen.« So tönt es aus dem Lautsprecher. Auf der Bühne: eine Leinwand – ein Trümmerfeld – vom Krieg verwüstet.

»Jeder Mensch braucht äußerliche Stärkung, um seelisch und körperlich Gleichgewicht zu erreichen.« So tönt es aus dem Lautsprecher. Auf der Bühne: eine Leinwand – ein Trümmerfeld – vom Krieg verwüstet.

»Wer nicht leiden will, muss hassen!« Davon war der Psychoanalytiker, Psychosomatiker, Mediziner und Sozialphilosoph Horst Eberhard Richter überzeugt. Wie ein roter Faden durchzieht die Suche nach einem neuen Umgang mit dem Leiden sein Werk, das weit über Gießen hinaus strahlte. Mit einer facettenreichen Collage setzen nun, sechs Jahre nach seinem Tod, Christian Lugerth als Regisseur und Dramaturg Matthias Schubert als Co-Autor, dem Erfinder des »Gießen-Tests« ein Denkmal unter dem Titel »Flüchten oder Standhalten«. Das gleichnamige Buch, eines der erfolgreichen Werke Richters, markiert auch im Stück die Antipoden seines Lebens zwischen Berlin und Gießen, Krieg und erneuter Aufrüstung, politischer Machtlosigkeit und außerparlamentarischer Opposition, Friedens- und Umweltbewegung, aufkommendem Wohlstand, sozialer Armut und Heimatlosigkeit.

Am Anfang steht der Krieg: 1923 geboren, ist Richter Soldat im Russlandfeldzug. Erlebnisse, die ihn zeitlebens beschäftigen werden. Lugerth und Schubert verweben die autografischen Texte zu einem Kaleidoskop bundesdeutscher Nachkriegsgeschichte. Richters Gedanken spiegeln sich in Zeitgenossen, politischen Weggefährten, den eigenen Kindern, aber auch der eigenen Person, etwa als junger Mann. Das Stück selbst wird zum Gießen-Test. Während »Horst« auf einem Stuhl über allen thront, äußern sich Ehefrau Bergrun, die ihm widerwillig nach Gießen folgt, und zwei der drei Kinder. Die Methode der Selbst- und Fremdeinschätzung einer Gruppe oder Einzelner wird zur Blaupause dieses Lebens-Stücks.

Nach der Gefangenschaft wieder in der Heimatstadt Berlin erfährt er, dass die Eltern, die auf seinen Rat die Stadt verließen, auf dem Land von betrunkenen russischen Soldaten ermordet wurden. Er lernt Bergrun kennen, mit der er bis zu seinem Tod 2011 sein Leben teilt. Gießen sei ihr nie zur Heimat geworden, hört man die betagte Dame sagen. Auf der Bühne ist sie stets an der Seite ihres Mannes, geht mit ihm mal im Zentrum des Geschehens, mal an der Seite stehend, durch die Jahrzehnte bewegter deutscher Geschichte.

Durch die »Aufbruchsstimmung« der 50er Jahre in die aufrührerischen 60er Jahre, in denen Richter den Lehrstuhl der Psychosomatik, als zweite Wahl, annimmt, während Bergrun unter »Umzugsdepressionen« leidet. In einem Glaskasten zitiert Richter sich selbst. »Wir können die Gesellschaft nur verändern, wenn wir uns selbst verändern.« Der Gießen-Test, dem sich auf der Bühne die Familie Richter unterziehen muss, wird zum Höhepunkt. Die 70er und 80er Jahre brechen an und der mittlerweile erfolgreiche Buchautor wird zu einer Ikone der Friedensbewegung – singt mit Iring Fetscher, Margarete Mitscherlich und Alice Schwarzer »Das weiche Wasser bricht den Stein.« »Gutmensch« ist nur eines der Siegel, die ihm auch auf der Bühne verliehen werden. Zutiefst verwoben war Richter mit Gießen. Im Projekt »Eulenkopf« engagiert er sich im sozialen Brennpunkt, während die RAF sich radikalisiert und darin eine »Stabilisierung des Systems« sieht.

Das Stück macht als persönlicher Streifzug diese Widersprüchlichkeiten sichtbar. Der Mensch Richter aber, den viele im Publikum noch persönlich kannten, bleibt fern, wenngleich Ulrich Cyran, mit großer Leichtigkeit in die, bisweilen mit Zitaten überfrachtete Rolle schlüpft. Barbara Stollhans verleiht seiner Frau Bergrun eine kühle Distanz, gespeist auch durch die eingespielten Zitate (»Ich bin in Gießen nie heimisch geworden«) und den scheinbar symbiotischen Jahrzehnten an Richters Seite in der mittelmäßigen Kleinstadt. Ihr Gegenstück, die junge Bergrun, ihre Tochter, Oscar Lafontaine und andere Weggefährten mimt Marlene-Sophie Hagen mit Leidenschaft und Eloquenz. Dahinter tritt Maximilian Schmidt als Sohn zurück, doch nicht zuletzt als Willy Brandt schöpft er aus seinem Können. Als junger Protagonist lässt auch er sich ein auf das geschickt inszenierte, fesselnde Spiel der Rollen und Figuren, die Leben und Gedanken des »großen alten Mannes« der Friedensbewegung facettenreich spiegeln. »Der Krieg ist nicht zu Ende« – das klingt im ausverkauften taT noch lange nach. Doris Wirkner

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